Die Fachtagung 2008 heilpädagogische der Heilpädagogischen Schulen am Wendepunkt zwischen Vergangenheitsgebundenheit und Zukunftsoffenheit - Bericht und Aufruf zugleich!
Von Annette Stoll
Die diesjährige Tagung zum Thema: "Wie werden Erfahrungen in die Biographie integriert: Zur Bearbeitung von Belastungen und Krisen in der kindlichen und jugendlichen Entwicklung" richtete sich inhaltlich in keinster Weise nur an die MitarbeiterInnen der Heilpädagogischen Schulen - nein, alle Menschen, die in den 8 Fachbereichen unseres Verbandes oder an einer Schule des Bundes der Freien Waldorfschulen tätig sind, waren angesprochen. Nicht nur Kinder und Jugendliche mit besonderen Schicksalen standen im Mittelpunkt, sondern jede Altersstufe, vom Säugling bis zum reifen Erwachsenen in der vollen Entfaltung der biografischen Entwicklung, trat in Erscheinung. Sowohl die Menschen mit besonderem Hilfebedarf als auch ihre Begleiter, seien es Angehörige oder Mitverantwortliche im Leben, beim Lernen oder Arbeiten konnten sich wiederfinden. Wir alle ringen ein oder mehrere Leben lang mit der vorgefundenen Leiblichkeit, mit dem Gebundensein an die Vergangenheit, wir alle mühen uns um die Bearbeitung dieser Leiblichkeit, um ein Stück Freiheit für zukünftiges Menschsein zu erschließen, zu eröffnen.
Mit einem großen, weiten, tragenden Bogen rundete Herr Dr.
med. Matthias Wildermuth seine 7-jährige Tätigkeit als Referent bei der
jährlichen Fachtagung der Heilpädagogischen Schulen ab. Für sein hohes Maß an Menschlichkeit, Authentizität und für
die Fülle und Aktualität seiner „schulmedizinisch-psychiatrischen“ sowie
anthroposophisch-medizinischen Fachkompetenz sei ihm an dieser Stelle noch
einmal umfassend gedankt!
Zwei Gegensätze der Wahrnehmung: Das Bild des ganz an der Vergangenheit festhaltenden
Menschen mit einem übermächtigen Gedächtnis stand dem Bild des ganz von der
Vergangenheit losgelösten Menschen, der seine Zukunft in jedem Augenblick immer
neu bildet, ohne gehalten und eingebunden zu sein, gegenüber.Das Bild des vielfältig sich ausprägenden Autismus-Spektrums
gegenüber dem Bild des weit gefächerten ADHS-Spektrums; in ersterem Bild wird
alles festgehalten, gespeichert, was in der Umgebung geschieht, im zweiten Bild
wird nur im Augenblick des Umkreises gelebt, nichts festgehalten. Beide Bilder
sind Zeichen unserer Zeit, in beiden Bildern bleibe ich mir selber fremd,
erkenne mich nicht, erfahre mich nicht.
Mangelnde Verinnerlichung: In beiden Bildern drückt sich ein erheblicher Mangel an
Fähigkeit zu verinnerlichen aus. Verinnerlichung ist Voraussetzung für ein
aktives Vergessen und Erinnern. Und nur durch den bewussten Erinnerungsprozess
kann ich mich, anknüpfend an meine Vergangenheit, in der Gegenwart lebend, auf
meine Zukunft hin gerichtet, orientiert entwickeln. Gelingt dies nicht,
entsteht an jedem Wendepunkt ein Bruch. Ein weites Feld depressiver Störungsbilder breitet sich aus,
Störungen vorübergehender krisenbedingter Art bis zu Anzeichen schwerer
Depression.
Vier Stufen der Bearbeitung: Dabei führte uns Matthias Wildermuth durch viele Lebensaltersstufen
und gab uns 4 Felder der möglichen Bearbeitung von biografischen Belastungen
auf den Weg durch die Tagung. Auf diesen 4 Feldern oder ineinandergreifenden
Stufen ließ er uns aktiv mitgestaltende Zuhörer immer wieder in modifizierter
Weise Schritte gehen: Ausgehend von dem Erlebnis des Heimgesucht-Werdens von
belastenden quälenden Ereignissen über das Annehmenkönnen fremder Strategien
bis hin zu der Errungenschaft der autonomen Selbstregulation, des wirklich
eigenständigen Einbeziehens und der Bewältigung einer zu mir gehörenden Störung
und Belastung.
Weg der Selbst-Urheberschaft
Der hier nur angedeutete, in der Tagung ausgeführte, Weg hin
zur Selbst-Urheberschaft von Biografie bewegte sich am 2. Tag vom Bild in den
Prozess, der sich zwischen dem Kind/Jugendlichen/Menschen und dem ihn
begleitenden Menschen im unmittelbaren Umkreis vollzieht. Wie unterschiedlich gestaltet sich der Zusammenklang von
genetischer Bedingtheit, konstitutionell leiblicher Vorausgabe mit dem
individuellen Schicksalsstrom und dem Umkreis-Schicksalsstrom!Wie vielfältig kann der Mensch aus diesem Zusammenklang
heraus mit Belastungen oder Krankheit umgehen! Dabei ist die biografische Begleitung entscheidend für die
Eingliederung oder Wieder-Eingliederung von Belastungen, Krankheiten,
Verletzungen in das eigene Selbst. Auch hier bewege ich mich im Umgang mit
belastenden kränkenden Faktoren (selbst bei einem grippalen Infekt!) auf 4
Ebenen, stets auf der Suche nach Gesundheit.
Ebenen der Gesundheitssuche:
- Krank-Sein im Sinne der Heimsuchung
- Verständnis für die Krankheit entwickeln ohne Willensaktivität
- Tätigkeit, aktives Umgehen mit der Krankheit
- Integration der Krankheit in die Biografie – das Erreichen der Selbstwirksamkeitsstufe.
Für unser derzeitiges Gesundheitswesen sollte die 4. Stufe dringend anerkannt werden!
Besondere Aufgabe für die Begleiter: Beim Blick auf Menschen mit besonderen Belastungen müssen wir uns als Schicksalsbegleiter immer wieder erneut vor Augen führen, dass, je früher die belastenden Ereignisse den Menschen treffen, desto leibbildender ihre Wirksamkeit ist, desto tiefgreifender also das Störungsbild. Vielleicht ist uns diese Tatsache in herausfordernden Alltagssituationen mit uns anvertrauten Menschen nicht immer gegenwärtig, obwohl wir es wissen!Eine hohe Anforderung an alle Schicksalsbegleiter ist daher, die „Schrift der okkulten Zeichen“ in anderen Menschen lesen zu lernen, auch wenn diese Zeichen tief in die Leiblichkeit des Menschen eingeschrieben sind. Das Kind im Mutterleib, der Säugling und das kleine Kind sind häufig Opfer solch früher Belastungen, die zu prägenden, mitunter lebenslangen Beeinträchtigungen oder Störungen führen können.
Folgen richtig deuten lernen: Mögliche Auswirkungen von Überstimulierung und Unterstimulierung des Säuglings in vielfältigen Weisen und Graden treten vor unser Bewusstsein und rufen uns auf, ihre Zeichen selbst nach vielen Jahren zu deuten und richtig zu lesen! Überstimulierung birgt die Gefahr der lebenslangen Abhängigkeit, der Unfähigkeit, für sich allein sein zu können. Unterstimulierung birgt die Gefahr der „pathologischen Autonomität“ mit vielen Formen „dissozialer Auffälligkeiten“.Beide Belastungen, das Zuviel sowie auch das Zuwenig an aktiver Sorge, an Für-Sorge kann langfristig zu unterschiedlichen Ausprägungen emotionaler Instabilität oder zu depressiven Störungen führen.
Depressionen: Wenn wir das weite Feld der biografischen Belastungen wieder öffnen und gründlicher den Fluchtweg in die Depression verfolgen, so zeigt sich die Depression in 4 verschiedenen Schichten, Wesensgliedern, Stufen, auch Graden der Erreichbarkeit. Das folgende Schema möge vom Leser selbst bewegt, ernährt, bereichert und füllig ausgestaltet werden, damit es kein starres Bild bleibt. Für mich als Tagungsteilnehmer wurde es entwickelt und ausgeführt, hier steht es starr und steif vor uns und wartet darauf, belebt zu werden:
Tiefste physisch-leibliche Schicht | Ich-Depression | mich einmauern, einfrieren, das Leben aufgeben |
Ätherische Schicht | Orale Depression | versorgt werden wollen |
Astral-seelische Schicht | Narzistische Depression | vorübergehende hohe Empfindlichkeit, z.B. während einer Krise im Rahmen einer Entwicklungsphase |
Ich-hafte Schicht | Schuld-Depression | Jeden menschen beftreffend i.S.v. Schuld-Fähigkeit, Gewissen wecken iS.v. inneres Wissen ausbilden, dieses Wissen kann zu der Erkenntnis führen: "Ich bin derjenige, der in der Verantwortung steht.". |
Wir können, indem wir uns durch diese Schichten hindurch tasten, erleben, dass das Wesen der Depression jedem Menschen zu Eigen ist in der Verantwortung des Mensch-Seins sowie beim Durchgang durch Krisen, z. B. durch die Phase der Pubertät, wenn der Astralleib zur Geburt drängt.
In der Sphäre des Wunsches nach Versorgtwerden können wir auch Menschen mit Behinderung begegnen und können die Qualität unserer Fürsorge achtsam prüfen.
In der Sphäre des Erstarrens fällt der Mensch mit Depression aus dem Leben heraus.
Annehmen können einer Krankheit
Am 3. Tag der Tagung führte uns Dr. Wildermuth über den vorgestellten Bild-Charakter des Themas (1. Tag) und über den Prozess-Charakter (2. Tag) hinaus in den willenshaften Tatanteil des Themas hinein.
Vier Stufen der Bewältigung: Beginnend mit der Frage „Wie viel Freiheit ist in der Krankheit?“ bewegten wir uns auch diesmal auf 4 Stufen der Bewältigung zu. In der Verantwortung dem Kinde oder Jugendlichen gegenüber, das bzw. der einen Hilfebedarf aufweist, gingen wir einen Weg zur Selbstbestimmtheit, der auch für die erwachsenen Menschen in Sozialtherapie und sozialer Arbeit seine Bedeutung hat:
- Nehme ich die behindernde Belastung anstatt, anstelle des anderen Menschen auf, neben ihm stehend?
- Handle ich für den anderen, ihm zugewandt, ihn in der Belastung verstehend?
- Greife ich die Zeichen des anderen Menschen auf, um mit
ihm zu handeln, also gemeinsam tätig?
oder - Lasse ich die Krankheit/Belastung durch den anderen wirken, entlasse ich ihn mit seiner Krankheit/Belastung, vertraue ich ihm die Bewältigung selbst an.
Ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, in der helfenden
Begleitung eines hilfebedürftigen Menschen (und das sind wir in gewissen
Lebensphasen alle) sollten wir täglich prüfen, ob wir
nebeneinander
füreinander
miteinander
beieinander oder
zueinander gewandt
Schicksal bewältigen helfen.
Deuten können: Im weiteren Verlauf des Tages eröffnete sich uns ein
vorsichtiger behutsamer Blick auf Anzeichen, die auf ein erlebtes Trauma
deuten können, z. B. bei Menschen, die an einer dissoziativen
Identitätsströmung leiden, insbesondere bei so genannten Borderline-Persönlichkeiten.
Bei solchen Zeichen handelt es sich immer um den Versuch, das erfahrene Böse
von sich loszureißen, davon erlöst zu werden, sei es durch:
- Selbstverletzung
- Übertragung des Bösen auf den anderen
- Impulsive Aggressivität gegenüber dem anderen
- Selbstvernichtungsversuche.
Aber auch Vorstufen dieser Not und Bedrängnis wie z. B. Körperstimulierung in verschiedenen Ausprägungen und Formen sollten erkannt werden.
Gedächtsnispflege wichtig: Ein wesentlicher Faktor bei der Traumaverarbeitung ist die Arbeit, Übung und Pflege des Gedächtnisses in seinen unterschiedlichen Schichten als ein wichtiger Schritt, das Vergangene eingliedern zu lernen:
- Die deklarative Gedächtnisstufe braucht die Betätigung der höheren Sinne, der Erkenntnissinne und die Pflege der Sprache.
- Die prozeduale Gedächtnisstufe erfordert
übendes Umgehen mit zeitlichen Prozessen und rhythmischen Prozessen. In welcher
Rhythmisierung und Zeitstruktur kann Fremdes, Unangenehmes verarbeitet werden,
damit es Raum im Seelen- und Lebensleib findet?
Auch die Pflege des rechten Maßes von Gewohnheitsentwicklung und Veränderungsentwicklung, das Ausbilden von Fähigkeiten der Modifikation und der Variation innerhalb sich wiederholender Strukturen kann die Möglichkeit des Verinnerlichens fördern. - Das Körpergedächtnis als die tiefste unbewussteste Gedächtnisstufe benötigt die Pflege und Umgestaltung auf der Lebensprozessebene und der Lebenssinnebene wie z. B. das Eingreifen in Atmungsprozesse, Ernährungsprozesse, Erhaltungsprozesse oder das Einarbeiten von Ordnungsprozessen in die Lebensverhältnisse.
Selbstreflektion der Begleiter: Diese Arbeit im großen farbigen Bogen der menschlichen
Biografie im Dialog mit mir selbst und dem mir anvertrauten Mitmenschen stellt
hohe Anforderungen! Die angestrebte Selbstbestimmung des belasteten Menschen
sollte ich nicht aus meinem Bewusstsein, meiner emotionalen Beziehung und
meinem Handeln verlieren. Das erfordert von mir tägliche Schulung, Rechenschaft
und Erneuerung. Es gilt, Wendepunkte in der Biografie zu beachten, denn ein
Wendepunkt kann den Schlüssel zur Wandlung offenbaren!
Und so möchte ich an den Schluss dieses Berichtes den
Liedtext des Kanons von P. M. Riehm stellen, nach den Worten von Heinrich
Kaminski:
„Dies wisse, o Mensch, dass nur du und nichts außer dir die
Pforten deiner Seele dem Licht zu öffnen vermag.“
Dank an die Organisatoren: An dieser Stelle sei Herrn Rysavy von Herzen gedankt, nicht nur für die vielen schönen Lieder, die er mit uns sang, sondern insbesondere für seine Tatkraft und Tragekraft, mit der er - gemeinsam mit Jörg Merzenich – die Fachtagung über viele Jahre organisiert, vorbereitet und durchgeführt hat. Beiden gebührt der Dank! Wertschätzung und Dank auch an die Kolleginnen und Kollegen, die bei der Tagung die künstlerischen Kurse leiteten und an Frau Labudde, die uns in diesem Jahr eine Schülerin vorstellte und mit ihr vor uns arbeitete.
Nun stellen die bisher Verantwortlichen die Fachtagung an
einen Wendepunkt in der Hoffnung, dass eines der vielen Kollegien sich für die
Wandlung der Tagung begeistert und sie an anderem Ort in anderem Gewand
erneuert. Wer wagt’s?
Autorennotiz:
Annette Stoll, Vorstandsmitglied im Verband für anthropsophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V.. Sie ist Klassen- u. Musiklehrerin an der Albrecht Strohschein
Schule, Oberursel. Daneben Dozententätigkeit in der Ausbildung von heilpädagogischen Lehrern an der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim und an dem berufsbegleitenden Waldorflehrerseminar in Frankfurt.



