PUK No. 6
Titel PUK 14
PUK Weihnachten 2007
 

Die Fachtagung 2008 heilpädagogische der Heilpädagogischen Schulen am Wendepunkt zwischen Vergangenheitsgebundenheit und Zukunftsoffenheit - Bericht und Aufruf zugleich!
Von Annette Stoll

Die diesjährige Tagung zum Thema: "Wie werden Erfahrungen in die Biographie integriert: Zur Bearbeitung von Belastungen und Krisen in der kindlichen und jugendlichen Entwicklung" richtete sich inhaltlich in keinster Weise nur an die MitarbeiterInnen der Heilpädagogischen Schulen - nein, alle Menschen, die in den 8 Fachbereichen unseres Verbandes oder an einer Schule des Bundes der Freien Waldorfschulen tätig sind, waren angesprochen. Nicht nur Kinder und Jugendliche mit besonderen Schicksalen standen im Mittelpunkt, sondern jede Altersstufe, vom Säugling bis zum reifen Erwachsenen in der vollen Entfaltung der biografischen Entwicklung, trat in Erscheinung. Sowohl die Menschen mit besonderem Hilfebedarf als auch ihre Begleiter, seien es Angehörige oder Mitverantwortliche im Leben, beim Lernen oder Arbeiten konnten sich wiederfinden. Wir alle ringen ein oder mehrere Leben lang mit der vorgefundenen Leiblichkeit, mit dem Gebundensein an die Vergangenheit, wir alle mühen uns um die Bearbeitung dieser Leiblichkeit, um ein Stück Freiheit für zukünftiges Menschsein zu erschließen, zu eröffnen.

      Mit einem großen, weiten, tragenden Bogen rundete Herr Dr. med. Matthias Wildermuth seine 7-jährige Tätigkeit als Referent bei der jährlichen Fachtagung der Heilpädagogischen Schulen ab. Für sein hohes Maß an Menschlichkeit, Authentizität und für die Fülle und Aktualität seiner „schulmedizinisch-psychiatrischen“ sowie anthroposophisch-medizinischen Fachkompetenz sei ihm an dieser Stelle noch einmal umfassend gedankt!

Zwei Gegensätze der Wahrnehmung: Das Bild des ganz an der Vergangenheit festhaltenden Menschen mit einem übermächtigen Gedächtnis stand dem Bild des ganz von der Vergangenheit losgelösten Menschen, der seine Zukunft in jedem Augenblick immer neu bildet, ohne gehalten und eingebunden zu sein, gegenüber.Das Bild des vielfältig sich ausprägenden Autismus-Spektrums gegenüber dem Bild des weit gefächerten ADHS-Spektrums; in ersterem Bild wird alles festgehalten, gespeichert, was in der Umgebung geschieht, im zweiten Bild wird nur im Augenblick des Umkreises gelebt, nichts festgehalten. Beide Bilder sind Zeichen unserer Zeit, in beiden Bildern bleibe ich mir selber fremd, erkenne mich nicht, erfahre mich nicht.

Mangelnde Verinnerlichung: In beiden Bildern drückt sich ein erheblicher Mangel an Fähigkeit zu verinnerlichen aus. Verinnerlichung ist Voraussetzung für ein aktives Vergessen und Erinnern. Und nur durch den bewussten Erinnerungsprozess kann ich mich, anknüpfend an meine Vergangenheit, in der Gegenwart lebend, auf meine Zukunft hin gerichtet, orientiert entwickeln. Gelingt dies nicht, entsteht an jedem Wendepunkt ein Bruch. Ein weites Feld depressiver Störungsbilder breitet sich aus, Störungen vorübergehender krisenbedingter Art bis zu Anzeichen schwerer Depression.

Vier Stufen der Bearbeitung: Dabei führte uns Matthias Wildermuth durch viele Lebensaltersstufen und gab uns 4 Felder der möglichen Bearbeitung von biografischen Belastungen auf den Weg durch die Tagung. Auf diesen 4 Feldern oder ineinandergreifenden Stufen ließ er uns aktiv mitgestaltende Zuhörer immer wieder in modifizierter Weise Schritte gehen: Ausgehend von dem Erlebnis des Heimgesucht-Werdens von belastenden quälenden Ereignissen über das Annehmenkönnen fremder Strategien bis hin zu der Errungenschaft der autonomen Selbstregulation, des wirklich eigenständigen Einbeziehens und der Bewältigung einer zu mir gehörenden Störung und Belastung.

Weg der Selbst-Urheberschaft

Der hier nur angedeutete, in der Tagung ausgeführte, Weg hin zur Selbst-Urheberschaft von Biografie bewegte sich am 2. Tag vom Bild in den Prozess, der sich zwischen dem Kind/Ju­gendlichen/Menschen und dem ihn begleitenden Menschen im unmittelbaren Umkreis vollzieht. Wie unterschiedlich gestaltet sich der Zusammenklang von genetischer Bedingtheit, konsti­tutionell leiblicher Vorausgabe mit dem individuellen Schicksalsstrom und dem Umkreis-Schicksalsstrom!Wie vielfältig kann der Mensch aus diesem Zusammenklang heraus mit Belastungen oder Krankheit umgehen! Dabei ist die biografische Begleitung entscheidend für die Eingliederung oder Wieder-Einglie­de­rung von Belastungen, Krankheiten, Verletzungen in das eigene Selbst. Auch hier bewege ich mich im Umgang mit belastenden kränkenden Faktoren (selbst bei einem grippalen In­fekt!) auf 4 Ebenen, stets auf der Suche nach Gesundheit.

Ebenen der Gesundheitssuche:

  • Krank-Sein im Sinne der Heimsuchung
  • Verständnis für die Krankheit entwickeln ohne Willensaktivität
  • Tätigkeit, aktives Umgehen mit der Krankheit
  • Integration der Krankheit in die Biografie – das Erreichen der Selbstwirksamkeitsstufe.

Für unser derzeitiges Gesundheitswesen sollte die 4. Stufe dringend anerkannt werden!

Besondere Aufgabe für die Begleiter: Beim Blick auf Menschen mit besonderen Belastungen müssen wir uns als Schicksalsbegleiter immer wieder erneut vor Augen führen, dass, je früher die belastenden Ereignisse den Men­schen treffen, desto leibbildender ihre Wirksamkeit ist, desto tiefgreifender also das Störungs­­bild. Vielleicht ist uns diese Tatsache in herausfordernden Alltagssituationen mit uns anvertrauten Menschen nicht immer gegenwärtig, obwohl wir es wissen!Eine hohe Anforderung an alle Schicksalsbegleiter ist daher, die „Schrift der okkulten Zei­chen“ in anderen Menschen lesen zu lernen, auch wenn diese Zeichen tief in die Leiblich­keit des Menschen eingeschrieben sind. Das Kind im Mutterleib, der Säugling und das kleine Kind sind häufig Opfer solch früher Belastungen, die zu prägenden, mitunter lebenslangen Beeinträchtigungen oder Störungen führen können.

Folgen richtig deuten lernen: Mögliche Auswirkungen von Überstimulierung und Unterstimulierung des Säuglings in vielfäl­tigen Weisen und Graden treten vor unser Bewusstsein und rufen uns auf, ihre Zeichen selbst nach vielen Jahren zu deuten und richtig zu lesen! Überstimulierung birgt die Gefahr der lebenslangen Abhängigkeit, der Unfähigkeit, für sich allein sein zu können. Unterstimulierung birgt die Gefahr der „pathologischen Autonomität“ mit vielen Formen „dissozialer Auffälligkeiten“.Beide Belastungen, das Zuviel sowie auch das Zuwenig an aktiver Sorge, an Für-Sorge kann langfristig zu unterschiedlichen Ausprägungen emotionaler Instabilität oder zu depressiven Störungen führen.

Depressionen: Wenn wir das weite Feld der biografischen Belastungen wieder öffnen und gründlicher den Fluchtweg in die Depression verfolgen, so zeigt sich die Depression in 4 verschiedenen Schichten, Wesensgliedern, Stufen, auch Graden der Erreichbarkeit. Das folgende Schema möge vom Leser selbst bewegt, ernährt, bereichert und füllig ausgestaltet werden, damit es kein starres Bild bleibt. Für mich als Tagungsteilnehmer wurde es entwickelt und ausgeführt, hier steht es starr und steif vor uns und wartet darauf, belebt zu werden:

Tiefste physisch-leibliche Schicht

Ich-Depression

mich einmauern, einfrieren, das Leben aufgeben

Ätherische Schicht

Orale Depression

versorgt werden wollen

Astral-seelische Schicht

Narzistische Depression

vorübergehende hohe Empfindlichkeit, z.B. während einer Krise im Rahmen einer Entwicklungsphase

Ich-hafte Schicht

Schuld-Depression

Jeden menschen beftreffend i.S.v. Schuld-Fähigkeit, Gewissen wecken iS.v. inneres Wissen ausbilden, dieses Wissen kann zu der Erkenntnis führen: "Ich bin derjenige, der in der Verantwortung steht.".

 

Wir können, indem wir uns durch diese Schichten hindurch tasten, erleben, dass das Wesen der Depression jedem Menschen zu Eigen ist in der Verantwortung des Mensch-Seins sowie beim Durchgang durch Krisen, z. B. durch die Phase der Pubertät, wenn der Astralleib zur Geburt drängt.

In der Sphäre des Wunsches nach Versorgtwerden können wir auch Menschen mit Behinde­rung begegnen und können die Qualität unserer Fürsorge achtsam prüfen.

In der Sphäre des Erstarrens fällt der Mensch mit Depression aus dem Leben heraus.

Annehmen können einer Krankheit

Am 3. Tag der Tagung führte uns Dr. Wildermuth über den vorgestellten Bild-Charakter des Themas (1. Tag) und über den Prozess-Charakter (2. Tag) hinaus in den willenshaften Tat­anteil des Themas hinein.

Vier Stufen der Bewältigung: Beginnend mit der Frage „Wie viel Freiheit ist in der Krankheit?“ bewegten wir uns auch diesmal auf 4 Stufen der Bewältigung zu. In der Verantwortung dem Kinde oder Jugendli­chen gegenüber, das bzw. der einen Hilfebedarf aufweist, gingen wir einen Weg zur Selbst­bestimmtheit, der auch für die erwachsenen Menschen in Sozialtherapie und sozialer Arbeit seine Bedeutung hat:

  1. Nehme ich die behindernde Belastung anstatt, anstelle des anderen Menschen auf, neben ihm stehend?
  2. Handle ich für den anderen, ihm zugewandt, ihn in der Belastung verstehend?
  3. Greife ich die Zeichen des anderen Menschen auf, um mit ihm zu handeln, also gemeinsam tätig?
    oder
  4. Lasse ich die Krankheit/Belastung durch den anderen wirken, entlasse ich ihn mit seiner Krankheit/Belastung, vertraue ich ihm die Bewältigung selbst an.

Ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, in der helfenden Begleitung eines hilfebedürftigen Menschen (und das sind wir in gewissen Lebensphasen alle) sollten wir täglich prüfen, ob wir

nebeneinander
füreinander
miteinander
beieinander oder
zueinander gewandt

Schicksal bewältigen helfen.

Deuten können: Im weiteren Verlauf des Tages eröffnete sich uns ein vorsichtiger behutsamer Blick auf An­zeichen, die auf ein erlebtes Trauma deuten können, z. B. bei Menschen, die an einer disso­zi­ativen Identitätsströmung leiden, insbesondere bei so genannten Borderline-Persön­lich­keiten. Bei solchen Zeichen handelt es sich immer um den Versuch, das erfahrene Böse von sich loszureißen, davon erlöst zu werden, sei es durch:

  • Selbstverletzung
  • Übertragung des Bösen auf den anderen
  • Impulsive Aggressivität gegenüber dem anderen
  • Selbstvernichtungsversuche.

Aber auch Vorstufen dieser Not und Bedrängnis wie z. B. Körperstimulierung in verschiede­nen Ausprägungen und Formen sollten erkannt werden.

Gedächtsnispflege wichtig: Ein wesentlicher Faktor bei der Traumaverarbeitung ist die Arbeit, Übung und Pflege des Gedächtnisses in seinen unterschiedlichen Schichten als ein wichtiger Schritt, das Vergange­ne eingliedern zu lernen:

  • Die deklarative Gedächtnisstufe braucht die Betätigung der höheren Sinne, der Erkennt­nis­sinne und die Pflege der Sprache.
  • Die prozeduale Gedächtnisstufe erfordert übendes Umgehen mit zeitlichen Prozessen und rhythmischen Prozessen. In welcher Rhythmisierung und Zeitstruktur kann Frem­des, Unangenehmes verarbeitet werden, damit es Raum im Seelen- und Lebensleib findet?
    Auch die Pflege des rechten Maßes von Gewohnheitsentwicklung und Veränderungs­ent­wic­klung, das Ausbilden von Fähigkeiten der Modifikation und der Variation inner­halb sich wiederholender Strukturen kann die Möglichkeit des Verinnerlichens fördern.
  • Das Körpergedächtnis als die tiefste unbewussteste Gedächtnisstufe benötigt die Pflege und Umgestaltung auf der Lebensprozessebene und der Lebenssinnebene wie z. B. das Eingreifen in Atmungsprozesse, Ernährungsprozesse, Erhaltungsprozesse oder das Einarbeiten von Ordnungsprozessen in die Lebensverhältnisse.

Selbstreflektion der Begleiter: Diese Arbeit im großen farbigen Bogen der menschlichen Biografie im Dialog mit mir selbst und dem mir anvertrauten Mitmenschen stellt hohe Anforderungen! Die angestrebte Selbstbestimmung des belasteten Menschen sollte ich nicht aus meinem Bewusstsein, meiner emotionalen Beziehung und meinem Handeln verlieren. Das erfordert von mir tägliche Schulung, Rechenschaft und Erneuerung. Es gilt, Wendepunkte in der Biografie zu beachten, denn ein Wendepunkt kann den Schlüssel zur Wandlung offenbaren!

Und so möchte ich an den Schluss dieses Berichtes den Liedtext des Kanons von P. M. Riehm stellen, nach den Worten von Heinrich Kaminski:
„Dies wisse, o Mensch, dass nur du und nichts außer dir die Pforten deiner Seele dem Licht zu öffnen vermag.“

Dank an die Organisatoren: An dieser Stelle sei Herrn Rysavy von Herzen gedankt, nicht nur für die vielen schönen Lie­der, die er mit uns sang, sondern insbesondere für seine Tatkraft und Tragekraft, mit der er - gemeinsam mit Jörg Merzenich – die Fachtagung über viele Jahre organisiert, vorbereitet und durchgeführt hat. Beiden gebührt der Dank! Wertschätzung und Dank auch an die Kolle­ginnen und Kollegen, die bei der Tagung die künstlerischen Kurse leiteten und an Frau Labudde, die uns in diesem Jahr eine Schülerin vorstellte und mit ihr vor uns arbeitete.

Nun stellen die bisher Verantwortlichen die Fachtagung an einen Wendepunkt in der Hoff­nung, dass eines der vielen Kollegien sich für die Wandlung der Tagung begeistert und sie an anderem Ort in anderem Gewand erneuert. Wer wagt’s?

Autorennotiz:stoll
Annette Stoll, Vorstandsmitglied im Verband für anthropsophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V.. Sie ist Klassen- u. Musiklehrerin an der Albrecht Strohschein Schule, Oberursel. Daneben Dozententätigkeit in der Ausbildung von heilpädagogischen Lehrern an der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim und an dem berufsbegleitenden Waldorflehrerseminar in Frankfurt.

URL dieser Seite: http://www.verband-anthro.de/index.php/aid/453/cat/116
© Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V. | Impressum
[ zur Navigation | direkt zum Seiteninhalt | zu weiterführenden Informationen ]