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06. Juli 2010

Bewusstsein ist eine Frage der Entwicklung
Prof. Dr. Rüdiger Grimm zur Tagung über "BewusstSeinsBildung"

TagungHP2010

Vom 4. bis zum 8. Oktober findet am Goetheanum in Dornach / Schweiz ein internationaler Kongress für Heilpädagogik und Sozialtherapie zum Thema "BewusstSeinsBildung" statt. Er wird veranstaltet von der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie, einer Abteilung der Medizinischen Sektion der Freien Hochschule Goetheanum. Anlass für die Publizistin Ursa Krattiger, dem Leiter der Tagung, Prof. Dr. Rüdiger Grimm, einige Fragen zu stellen.

UK | Warum eine Internationale Tagung für Heilpädagogik und Sozialtherapie zum Thema Bewusstsein?

RG | Die Frage des Bewusstseins gehört zu den zentralen Herausforderungen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Sie stellt sich heute für jeden Menschen: in Bezug auf seine Stellung im Leben, im Verständnis der eigenen Biografie, im Verhältnis zu anderen Menschen, zur Gesellschaft, zur Umwelt. Man kann nicht einfach bloss leben, sondern man muss dieses Leben auch reflektieren, sich ein eigenes Bewusstsein bilden, weil es keine allgemein gültigen Rezepte mehr gibt - schon lange nicht mehr -, nach denen das Leben und damit unsere Biografie funktionieren.

Im Bereich Heilpädagogik und Sozialtherapie stellt sich die Frage noch weitergehend nach dem Bewusstsein über das Bewusstsein, die Metaebene also und nach der Genese von Bewusstsein: als zentrales Anliegen der Entwicklungsförderung, als soziale Frage, als Frage interdisziplinärer Zusammenarbeit – auf vielen Ebenen.

UK | Was ist der besondere Fokus der Heilpädagogik in der Bewusstseinsfrage?

RG | In der frühkindlichen Entwicklung kann man beobachten, wie Bewusstsein allmählich entsteht. Das kleine Kind wird nach und nach wacher, lernt gehen und sprechen, bildet an der motorischen und sprachlichen Entwicklung ein zunehmendes Gegenstandsbewusstsein, ein Prozess, in welchem bekanntlich auch das "Ich-Bewusstsein", das Bewusstsein von sich selbst als zentrales biografisches Ereignis entsteht. Schon die ersten "Warum-Fragen" demonstrieren die beginnende Bewusstseinsauseinandersetzung mit der Welt, die sich immer weiter entwickelt in der Ausbildung des Denkens, der Erinnerung, der Fantasie oder des planenden Handelns. All das scheint sich auf natürlichem Weg auszubilden, ohne äusseres Zutun, ohne Belehrung oder Unterricht. In Wirklichkeit verlaufen hier jedoch komplexe Prozesse und Interaktionen zwischen Kind und Welt, zwischen Bewegung und Wahrnehmung, zwischen Aktion und Reaktion.

Es gibt Kinder, bei denen dieses Zusammenspiel aus irgendeinem Grund nicht zum Tragen kommt und die deshalb nicht gehen oder sprechen lernen, deren Tagesbewusstsein sich nicht entwickeln kann. Hier sind die Professionen gefragt, die in der heilpädagogischen Arbeit beteiligt sind: HeilpädagogInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen, TherapeutInnen. Sie stehen vor der Aufgabe, diese Entwicklungsprozesse, die ja niemals nur "funktionalen" Charakter haben, sondern immer auch Bewusstseinsprozesse sind, anzuregen. Das kann nicht "von aussen" gehen, sondern hängt immer davon ab, ob man mit dem Kind in einen dialogischen Prozess kommt, d.h. ob es gelingt, mit den eigenen Entwicklungsimpulsen des Kindes in Beziehung zu treten, etwas herauszulocken, das diese Entwicklungen in Gang setzt.

UK | Sind das nicht auch Herausforderungen für das Berufsverständnis der Heilpädagogen?

RG |  Gewiss. Von Martin Buber gibt es das überraschende und eindrückliche Diktum: "Heilen oder Erziehen kann nur der gegenüber Lebende und zugleich Entrückte". Das heisst: Heilpädagogisch Tätige müssen einerseits vollständig in den Dialog mit dem Kind eintreten, eine Beziehung auf Augenhöhe eingehen und zugleich eben diesen Dialog auch reflektieren können. Das ist keineswegs nur ein kognitives Geschehen, sondern ein Leben in unterschiedlichen Bewusstseinsebenen, in einer fühlenden Beziehung, einer reflexiven Ebene und letztlich – wenn die Beziehungsaufnahme gelingen soll – einer faktischen Willensdimension, die einer quasi "schlafenden" Bewusstseinsschicht angehört, die gleichwohl erlebt und empfunden wird und die Basis des Tagesbewusstseins bildet.

In der Heilpädagogik steht man deshalb immer vor der Herausforderung, Bewusstseinsprozesse anzuregen: beim Kind mit Hilfe der Methoden und Massnahmen, die dazu geeignet sind, aber auch bei sich selbst durch Methoden der Reflexion und Rückbesinnung, kollegial durch gemeinsame Prozesse der heilpädagogischen Diagnostik und der Abstimmung und Gestaltung der praktischen Zusammenarbeit.

UK | Weshalb taucht hier der Begriff "Sozialtherapie" auf und in welcher Weise wird die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein dort relevant?

RG | In der anthroposophischen Heilpädagogik hat sich für den Bereich der Erwachsenen mit Behinderung der Begriff der Sozialtherapie eingebürgert, um damit der Lebenssituation des erwachsenen Menschen im Gegensatz zur Kindheit Rechnung zu tragen. Den Entwicklungsbedürfnissen des Erwachsenen müssen wir anders begegnen als denen der Kinder – so wie es eben dem Erwachsenenalter entspricht. Auch wenn es zwischen Menschen mit Behinderung und den Sozialtherpeuten eine Verantwortungsassymmetrie gibt, geht es hier noch zentral um die Frage der Selbstbestimmung und Partnerschaft.

Dass man dies heute so sehen kann, ist auch Ausdruck eines paradigmatischen Bewusstseinswandels, der sich in der sozialen Arbeit schon seit geraumer Zeit Bahn bricht und in dem so eindrücklichen Menschenrechtsdokument der "UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" ja auch weltweiten Ausdruck gefunden hat. Die anthroposophische Sozialtherapie ging schon in ihrem Begründungsimpuls immer von inklusiven Prozessen aus, etwa in der Bildung von sozialtherapeutischen Lebensgemeinschaften, die einmal als familienorientierte Dörfer begannen, heute aber zumeist soziale Organismen sind, die den gänzlich unterschiedlichen Bedürfnissen der dort lebenden und arbeitenden Menschen entsprechen. Das sind Entwicklungen, die niemals an ein Ende kommen, sondern den sich wandelnden Bedürfnissen der individuellen Menschen und der Zeit entsprechend aktualisiert werden müssen.

UK | Die Bewusstseinsfrage ist ein zentraler Topos der Neurowissenschaften. Warum müssen sich Heilpädagogen und Sozialtherapeuten damit auseinandersetzen?

RG | Die Bewusstseinsfrage ist auch eine zentrale ethische Kategorie. Das Leben von Menschen mit Behinderung war immer in Gefahr. Das sieht man durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch: die eugenische Frage im Gefolge des Sozialdarwinismus mit ihren unheilvollen Folgen in der Nazi-Zeit, der Ermordung von Hunderttausenden behinderter Menschen, ihre unglaubliche Vernachlässigung in vielen der damals kommunistischen Ländern, die Neoeuthanasie-Diskussion seit den achtziger Jahren. Dies muss sich im 21. Jahrhundert nachhaltig ändern. Das globale Bewusstsein dafür – für das Bürgerrecht aller Menschen – könnte jetzt erwachen.

Die andere Seite der Medaille aber ist, wie wir den Menschen jenseits der sozialen Wertfragen verstehen, also, welches Menschenbild wir entwickeln. Durch die Neurowissen-schaften wird z. B. die grundlegende und immer aktuelle Frage nach der menschlichen Willensfreiheit in sehr pointierter Weise gestellt. Viele gehen heute davon aus, dass die Willensfreiheit lediglich das Konstrukt eines unfreien Willens sei. Nur das. Eine Illusion. Das ist ein Grund, warum wir mit Thomas Fuchs einen der namhaftesten kritischen Neurowissenschaftler eingeladen haben, der die Bewusstseinsphänomene niemals nur aus der biologischen Perspektive, sondern immer auch aus der philosophischen aufgreift. Aus der anthroposophischen Sichtweise liegt es nahe, zwar die vielfältige Bedingtheit des menschlichen Bewusstseins durch leibliche, seelische und geistige Gegebenheiten zu erkennen. Gerade darin lässt sich aber auch eine der eigentlichen Entwicklungsfragen nicht nur des Bewusstseins selbst, sondern der menschlichen und kosmischen Existenz generell sehen. Die Bewusstseinsfrage ist eben auch die Freiheitsfrage. Der erkennende Blick des Menschen auf sich selbst wird der vielfältigen Bindungen des eigenen Lebens gewahr – unsere Begrenzungen – , aber auch der Option, sich auf den Weg zu immer mehr Freiheit zu begeben.

UK | Dann wäre Bewusstsein nicht einfach eine kognitive Gegebenheit, sondern eine Entwicklungsfrage.

RG | So ist es. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob ich den Menschen als ein Produkt der biologischen Phänomene ansehe oder als ein geistiges Wesen. Der "Heilpädagogische Kurs", den Rudolf Steiner 1924 hielt und der ja die geisteswissenschaftliche und methodologische Grundlage der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie bildet, unterstreicht den Gesichtspunkt des "Dialogischen", über das ich vorhin sprach, auch dadurch, dass er viele Anregungen zur Bewusstseinsbildung der heilpädagogisch Tätigen gibt. Pointiert ausgedrückt könnte man sagen: "Nur wer sich selbst entwickelt, kann andere Menschen zur Entwicklung anregen". In den letzten Jahren haben wir an unseren Tagungen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass diejenigen Angebote, die Anregungen zur Selbstentwicklung geben, besonders intensiv nachgefragt werden.

UK | An der Tagung gibt es ein Forum zu Fragen der Ökologie und Nachhaltigkeit in der Heilpädagogik und Sozialtherapie. Warum?

RG | Heilpädagogik und Sozialtherapie leben von den gesellschaftlichen Ressourcen. Sie dürfen diese nicht verschleudern, sondern müssen verantwortungsvoll mit ihnen umgehen. Wir sind Teil einer Welt, die an den Problemen, die sie verursacht hat, untergehen kann: Umkehr oder Ende. Wer von der Gesellschaft lebt, muss ihr auch etwas zurückgeben. Der Beitrag der Menschen mit Behinderung wird hierbei noch zu wenig gesehen. Dabei tragen sie wesentlich zur Humanisierung unserer Lebenswelten bei. Das darf man nicht euphemistisch verstehen. Ein Leben mit Behinderung ist eine grosse biografische Herausforderung und heilpädagogische und sozialtherapeutische Arbeit keine Idylle. Meist ist es ein Ringen, das die eigene Unzulänglichkeit und die Probleme des sozialen Lebens schmerzhaft zum Bewusstsein bringt. Aber gerade schwierige Lebenssituationen und ihre Herausforderungen können Erkenntnis- und Daseinsprozesse auslösen, bei denen alle etwas gewinnen könnten. Nicht zuletzt, wenn man unser heutiges gesellschaftliches Leben kritisch beobachtet. Die Menschen mit Behinderungen selbst und ihre Angehörigen können darüber viel sagen.

UK | Was meinen Sie damit konkret, können Sie ein Beispiel nennen?

RG | In meiner beruflichen Tätigkeit als Heilpädagoge und Lehrer habe ich viele Menschen kennengelernt, die mir durch eine beeindruckend aktive Art und Weise, mit Widerständen umzugehen, aufgefallen sind. Entscheidend für unsere Persönlichkeit sind ja nicht nur unsere Begabungen, die Dinge, mit denen wir es leicht haben, das, was uns in den Schoss fällt, sondern dasjenige, was wir den Widerständen abringen, gegen die Schwerkraft des Leibes und Lebens gewissermassen. Das gibt eine Erfahrungstiefe, die uns existenziell in eine andere Lebensdimension stellt. Durch jede Widerstandserfahrung, der man sich gestellt hat, ist man mehr sich selbst geworden. Ich meine, dass man das in der Begegnung mit vielen dieser Menschen, besonders den älteren und alten Menschen, unmittelbar spüren kann – wie ein Licht der Versöhnung mit dem Leben – , auch wenn diese darüber niemals sprechen können.

UK | Warum sollte man an die Tagung kommen?

RG | Ich denke, es gibt dort viel zu erleben. Vorträge mit bedeutenden Referenten, sämtlich ausgewiesene Fachleute auf ihrem Gebiet. Viele Arbeitsgruppen, an denen sich das Tagungsthema "BewusstSeinsBildung" an einer spezifischen Fragestellung bricht und einlädt, etwas zu lernen. Natürlich auch die Vielfalt einer internationalen Tagung, das Zusammensein mit Menschen aus fast 40 Ländern. Dann die Kunst: Musik, Eurythmie, Pantomime – alles Gelegenheiten, unser Thema in seinen vielfältigen Dimensionen zu erleben.

UK | Wen möchten Sie in Dornach begrüssen?

RG | Alle, die mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten, die Hilfe und Unterstützung in ihrer Entwicklung brauchen, also die Heilpädagoginnen und Sozialtherapeuten, Ärztinnen und Therapeuten, Lehrerinnen und Werkstattleiter, künstlerisch Tätige, aber auch die Kolleginnen und Kollegen an den Waldorfschulen, die mit SchülerInnen zu tun haben, für die ein vertieftes menschenkundlich-therapeutisches Wissen notwendig ist. Wir freuen uns natürlich auch, wenn Eltern und Angehörige kommen. Sie haben zu diesem Themenbereich viel beizutragen.

UK | Was erhoffen Sie sich persönlich von der Tagung?

RG | Das wird die achte große internationale Tagung, die ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen, mit meinen Mitarbeitenden im Sekretariat der Konferenz und dem Tagungsteam am Goetheanum vorbereite und verantworte. Man macht das nicht nebenher. Jede Tagung ist ein Risiko, nicht nur finanziell. Diese Tagungen sind Teil der Prozesse, die ein internationales Netzwerk wie die Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie braucht, um zu existieren, sich zu entwickeln und die richtige Richtung zu geben, nicht zuletzt auch als Korrektiv. Persönlich habe ich in der Vorbereitung dieser Tagungen und noch mehr im Nachklang ein Gefühl dafür bekommen, ob mein eigener innerer Arbeitsauftrag noch stimmt, ob ich ihn richtig erfüllen und sozial vermitteln, ihn in den Zusammenhang eines Ganzen stellen kann. Ob er sich erneuert. Jedenfalls: Das Goetheanum ist weltoffen. In den Saal passen 1000 Menschen. Wir hoffen, dass er zwischen dem 4. und 8. Oktober voll sein wird. Das wäre eine Chance nicht nur für das Gelingen der Tagung, sondern für eine repräsentative Bewusstseinsbildung in einer internationalen Gemeinschaft und ein festliches Ereignis.

Informationen zur Tagung und Anmeldung: www.khsdornach.org

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