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06. August 2010

"Damals oder: UN-glaublich, dass das heute war..."
Bericht der Jahrestagung und der Mitgliederversammlungen von Verband und BEV

MV2010-Teaser

Die BundesElternVereinigung und der Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit arbeiteten auf ihrer gemeinsamen Jahresversammlung vom 11. - 13. Juni 2010 an den Bedingungen der Verwirklichung von Autonomie, Barrierefreiheit und Inklusion im Alltag.

Von Johannes Denger

„Damals oder: UN-glaublich, dass das heute war...“: Unter diesem Titel boten die Teilnehmer mit und ohne Behinderungen eines inklusiven Spielerkreises der Dorfgemeinschaft Münzinghof ein Lehrstück von Timm Lossen in Brecht’scher Manier als Werkstattaufführung an. Rasch wurde hier deutlich, dass die graduelle Verwirklichung von Autonomie, Barrierefreiheit und Inklusion nicht nur ein hübsches theoretisches Thema für Tagungen ist, sondern tatsächlich im Alltag, im Hier und Jetzt, in den einfachsten Handlungen möglich wird – oder eben nicht. Überzeugend zeigten die Spieler: ob man be-hindert oder ent-hindert wird, entscheidet sich - neben strukturellen Bedingungen - jeden Tag in jeder Begegnung neu. Und wenn es auch nicht immer ein eindeutiges Falsch und Richtig wie in diesem Lehrstück geben wird, so ist es doch eine wichtige und ermunternde Aufforderung an die zusammenlebenden Menschen, jeden Tag neu Situationsethik zu üben.

Ein oft gehörtes Vorurteil der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen gegenüber, da hätten sich mal wieder einige Beamte der UNO am grünen Tisch etwas ausgedacht, das in der Praxis nicht realisierbar, überfordernd oder bestenfalls bedeutungslos sei – auf dieser Mitgliederversammlung wurde es mehrfach widerlegt.

Klaus Lachwitz, Bundesgeschäftsführer und Justitiar der Lebenshilfe und seit kurzem Präsident von ‚Inclusion International’, hielt den grundlegenden Abendvortrag. Seine Ausführungen waren in besonderem Maße authentisch und souverän, denn er war bei der Entstehung der Konvention dabei gewesen. 200 Menschen mit Behinderungen aus der ganzen Welt und 200 Delegierte trafen sich im Januar 2004 zum ersten Mal 14 Tage lang und danach noch für acht weitere Treffen in New York. Das ganze weltweite Erfahrungswissen zum Thema Behinderung war durch diese Menschen repräsentiert, die sich nun daran machten, allgemeine Menschenrechte für diese mit etwa 650 Millionen Menschen weltweit größte Minderheit (10 % der Weltbevölkerung) durch eine eigene Konvention zu verdeutlichen und besser zu verwirklichen. Ein Mensch mit geistiger Behinderung traf da zum Beispiel auf den höchsten dänischen Richter, der im Rollstuhl sitzt. Klaus Lachwitz selber, eine ausgewiesene Kapazität aus dem Feld Recht und Behinderung, war nicht in erster Linie als Fachmann geladen, sondern als Assistent von Robert Martin, einem Menschen mit geistiger Behinderung aus Neuseeland, der etwa schlicht fragte: „Warum darf ich nicht wählen?“ Abends im New Yorker Hotel versuchte Klaus Lachwitz dann Themen, die sich aus Rollenspielen zwischen den Beiden ergaben, in juristische Formulierungen umzusetzen.

„Ich liebe Manschettenknöpfe!“, rief ein Teilnehmer der AG Biographiearbeit begeistert. Die Leiterin Birgit Grimm hatte Gegenstände verschiedenster Herkunft auf einem kleinen Tisch platziert, und jeder Teilnehmende durfte einen Gegenstand wählen, anhand dessen er etwas aus seinem Leben erzählen konnte. In den 19 Arbeitsgruppen wurde das Tagungsthema auf den verschiedensten Ebenen, von den basalen Sinnen über Grundrechte, Partnerschaft und Sexualität, Teilhabe am Arbeitsleben bis zu Religion und Spiritualität bearbeitet. Rüdiger Grimm, Sekretär der Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie, zeigte in seinem Vortrag anhand des Textes ‚Ecce homo’ von Rudolf Steiner einen Weg der Begegnung des Menschen mit sich selbst auf.

Die getrennt stattfindenden Mitgliederversammlungen mit den jeweiligen Regularien und den Finanzen der beiden Vereine waren in den Tagungsablauf integriert. Für den Finanzbericht des Verbandes wählte Geschäftsführer Manfred Trautwein eine besonders anschauliche, bildhafte Methode, die dieses Mal vor allem über die Fachbereiche des Verbandes informierte. Neu in den Verband aufgenommen wurden ‚Lebensräume e.V., Werk- und Lebensgemeinschaft Ovelgönner Mühle’ und die ‚Franziskus-Schule Neunkirchen-Seelscheid e.V.’ .Auch auf der Mitgliederversammlung der BundesElternVereinigung wurde ein neues Mitglied begrüßt: Der Verein "Freunde und Förderer der sozialtherapeutischen Einrichtung Auenhof e.V.". Den Schwerpunkt der Mitgliederversammlung bildeten hier die Ergebnisse des Arbeitskreises "Sozialpolitische Lobbyarbeit", die intensiv diskutiert wurden.

Mit Taikonaut nach der Rückkehr zur Erde bot das inklusive Tanzensemble des Christopherus-Hofes Witten am kulturellen Abend ein poetisches, abwechslungsreiches Programm, das von CabaRetorte mit dem ‚Ersten autonomen barrierefreien Inklusionskabarett und Liedern mit Assistenzbedarf’ weitergeführt und durch Volkstanz mit Susan Boes bewegt abgeschlossen wurde.

Christoph Boes, langjähriges Vorstandsmitglied des Verbandes, wurde mit herzlichem Dank für seine Mitarbeit verabschiedet. Den anwesenden Mitgliedern war er besonders vertraut durch die souveräne Leitung der Mitgliederversammlungen der letzten Jahre. Mit großem Dank an den diesjährigen Gastgeber ‚Werkstätten Gottessegen Christopherus Haus e.V.’ in Dortmund wurden die beiden gemeinsam abgehaltenen Mitgliederversammlungen 2010 beschlossen.

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Tanzen inklusive: Der kulturelle Abend wurde tanzend beendet.
Verbandsvorstände, Menschen mit Unterstützungsbedarf, Eltern und Mitarbeiter,
alles tanzte.
Foto: Gudrun Dobiaschowski

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