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HandyCup

Mit Schülern aus "Haus Arild" zur Segelwoche "Handycup" nach Italien 6. - 15. Mai 2006

Seit fast 30 Jahren segeln wir jeweils eine Woche mit unseren Jugendlichen auf einem Zweimast - Oldtimersegler auf der Ostsee. - Seit 7 Jahren betreiben wir aktive Segelarbeit mit Optimisten und mit Zweimannjollen am Ratzeburger See in Zusammenarbeit mit einem Segelverein. Einige Schüler konnten wir dabei bis zum "Segelgrundschein" fördern.

Zum dritten Mal seit 2002 bot sich jetzt die Gelegenheit, an der "Handycup" - Segelwoche in Italien teilzunehmen.
Was ist "Handycup"? Auch in Italien wird Segeln in vielfacher Weise pädagogisch - therapeutisch eingesetzt. Von Rom ausgehend entstand die Initiative, eine Regatta - Veranstaltung für Menschen mit unterschiedlichem Hilfebedarf zu organisieren: Rollstuhlfahrer, psychisch Kranke, straffällig gewordene Jugendliche, Suchtkranke, betreute Menschen. Von Jahr zu Jahr wachsend ist daraus inzwischen eine Veranstaltung über 8 Tage mit bis zu 150 Teilnehmern geworden. (Informationen dazu unter www.handycup.it)

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Für vier fortgeschrittene Schüler von uns, die sich seit einem Jahr auf den Segelgrundschein vorbereiten, konnte das eine Gelegenheit werden, in Begleitung von zwei Erwachsenen die eigenen Segelfähigkeiten unter völlig veränderten Bedingungen zu erproben.
Doch auf was für einem Boot konnten wir fahren? Gerade zur rechten Zeit kam eine Anfrage ins Haus von dem schweizer Verein "velaventura". Mitarbeiter des Humanus - Hauses Beitenwil (b. Bern /Schweiz) hatten 2004 angefangen mit einer 16 m - Yacht Segelreisen für betreute Menschen auf dem Mittelmeer anzubieten (www.velaventura.ch). Zu sehr günstigen Bedingungen konnten wir mit dem Skipper Georg Domeyer Mannschaftsmitglieder der "INUIT" werden, zusammen mit drei betreuten Erwachsenen vom Humanus - Haus.

Mit etwas Startkapital ausgerüstet und sehr preisgünstigen Flutickets starteten wir an einem Samstag Anfang Mai nach Bologna. Für die Schüler war der erste Flug in ihrem Leben ein besonderes Erlebnis, - für den Erwachsenen war es eher aufregend, alle Reisenden trotz Eisenbahnstreik und Verspätungen abends wohlbehalten an Bord der INUIT zu bringen. Die zweistündige Wartezeit unterwegs konnten wir nutzen, uns von der schiefen Lage des Turms zu Pisa zu überzeugen!
Gleich am Sonntagmorgen gab es von Cala Galera (nahe dem Monte Argentario, nördlich von Rom) eine Regatta. - Am frühen Montagmorgen setzte sich dann der "Solidaritäts - Törn" mit etwa 15 Booten in Bewegung: die Reise ging am ersten Tag nach Porto Ferraio auf der Insel Elba.
Morgens gegen 7h war gemeinsames Ablegen, dann segelten wir über Tage, zeitweise in Sichtweite. Gegen Nachmittag trafen wir uns vor dem Zielhafen, um dann gemeinsam mit großem italienischen Spektakel einzulaufen. Mitten in der Stadt, an prominenter Stelle waren Liegeplätze vorbereitet, 15 Boote mussten nacheinander rückwärts anlegen. Abends gab es ein großes Essen im örtlichen Segelverein.
Am nächsten Tag war die Gelegenheit entweder mal mit einem anderen Boot mitzufahren oder mit Kleinbussen der "Fondazion Exodus", Einrichtung für Drogenrehabilitation eine Inselrundfahrt zu machen. Abends wurden wir von eben dieser zu einer rauschenden Party mit Live - Musik eingeladen. Die ausgelassen - fröhliche Stimmung hielt bis zum Ende an. 

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In La Spezia lagen unsere Liegeplätze im Segelhafen des Militärs mit entsprechender Bewachung, inkl. Einlasskontrollen. Am Abend war eine ganze Fähre für uns gechartert worden, die uns quer über die Bucht zu dem noblen Badeort Porto Venere transportierte. Dort gab es extra für uns ein Live - Konzert mit stimmungsvoller Musik der italienischen Seefahrer früherer Jahrhunderte, in den alten Dialekten der Venezier, Sarden, Korsen und Genuesen.

Höhepunkt der ganzen Woche war die Regatta in der Bucht von La Spezia. Dafür hatten wir mit unserem Skipper extra einen halben Tag trainiert. Aber es war dann am Sonnabend schwacher Wind, so dass wir gegen die leichten Kunststoffyachten nur geringe Chancen hatten. Trotzdem haben wir uns tapfer geschlagen. Nachdem wir die Ziellinie überfahren hatten, versammelten sich alle Boote zu einer großen Parade, Seite an Seite ankernd draußen in der Bucht: 55 Boote zusammen mit Küstenwache, Polizei, Militär waren da nebeneinander versammelt, über uns kreiste der Hubschrauber des italienischen Fernsehens. Es war ein gewaltiges Schauspiel!
Am Abend gab es dann für alle "Handycup"- Teilnehmer eine Extra - Aufführung der Truppe "La Stravaganza", im Stadttheater. Es war eine Art Zirkusrevue mit viel Musik und Gesang, in der die "Normalos" als wilde Bestien hinter Gittern gehalten wurden, umringt und verspottet durch die "Verrückten", die außen herum tanzten. Irgendwann fiel das trennende Gitter. Das mündete am Ende in die Frage an uns alle im Saal: "Di che circo sei?" -- "Und zu welchem Zirkus gehörst du ?" Eleganter und pfiffiger konnte die Grundfrage: "Wer behindert hier wen?" nicht thematisiert werden. Zu guter Letzt klatschte, tanzte und sang der ganze Saal dazu.

Die Abschlussveranstaltung mit vielen hochrangigen Rednern fand am Sonntag in einer großen Werfthalle für Yachten statt. Der Landrat der Provinz, der Kommandant der Hafenpolizei und der Bürgermeister bekundeten ihre Verbundenheit mit dem Projekt "Handycup". Ein hoher Offizier sagte: "Wenn wir die Welt verbessern wollen, müssen wir alle auch etwas dafür geben!" In dieser Handycup - Woche ist das allen Beteiligten eindrucksvoll gelungen.

Überwältigend war, was alles für diese "Solidaritätsreise" auf die Beine gestellt wurde. Die Gastfreundschaft, die spontane Hilfsbereitschaft, all das, was in den Häfen für uns vorbereitet worden war, konnte uns Deutsche manchesmal beschämen. -- Innerhalb dieser Woche lernte man sich von Boot zu Boot kennen, so daß unsere Schüler bald auch gerne tageweise mit anderen Mannschaften unterwegs sein wollten, und das ohne jegliche Italienisch- oder Englischkenntnisse!

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Für einige Tage in ganz andere Lebensart und Kultur der Italiener hereinzufinden, sich in einem fremden Land zurecht zu finden, sich mit Mitseglern ohne Sprachkenntnisse zu verständigen und Freunde zu gewinnen, die eigenen Segelkenntnisse in ungewohnter Umgebung mit Erfolg einzusetzen, konnte den Schülern reiche Erlebnisse vermitteln, die sie noch lange begleiten werden.

J. Lentz, Kinderheim Haus Arild, 23847 Bliestorf

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