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"... das erste Mal, dass ich arbeiten wollte!"

Plötzlich war die Idee da: An der Schwelle zum dritten Jahrtausend liefen die Planungen für die Expo 2000 in Hannover auf Hochtouren. Aber auch in unserem 400-Seelendorf Oberellenbach, wo wir uns doch so ein bisschen hinter den Bergen, bei den Sieben Zwergen verkrochen hatten, sollten wir aus unserem Dornröschenschlaf geweckt werden: Unser Dorf wurde als dezentrales Expo Projekt mit nachhaltiger Zukunftsentwicklung beispielhaft für Hessen vorgeschlagen und anerkannt. Projektträger neben drei anderen war die Lebensgemeinschaft Persephone, eine Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Und jetzt standen wir vor der Frage: Wie könnten, sollten oder müssten wir uns der Weltöffentlichkeit präsentieren?

In der KJHG-Fachgruppe Nord fiel der Entschluss: Wir organisieren ein Workcamp für Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Einrichtungen, die sich für eine Woche unter dem Expo-Motto: Mensch ? Natur ? Technik in Oberellenbach treffen. Nun begann die Planung, bei der sich schnell herausstellte, dass dieses Treffen eine Herausforderung wird, die sowohl eine gehörige Portion Mut aller Beteiligten, als auch wahrhaftiges Interesse an der Begegnung aber auch Vertrauen in die eigene Kompetenz verlangte. Schnell war klar: Jede VIP braucht ihren »Bodyguard« (d.h. ihre Bezugsperson, den Jugendpädagogen) zum eigenen Schutz und eventueller Schadensbegrenzung.

Schließlich trafen sich 70 Personen aus fünf Einrichtungen, um gemeinsam für andere zu arbeiten, sich gegenseitig kulturell zu beschenken und sich ganz persönlich in der Fremde in einer großen, unbekannten Gruppe zurechtzufinden. Da können einem schon mal die Knie schlottern, wenn die Jugendgruppe aus dem Osten (vor den Toren Berlins) noch übernächtigt und gestylt von der Love Parade aus dem Auto steigt ... oder wenn das eingeübte Theaterstück, das ja schon mit Erfolg vorgeführt wurde, nun auch vor den so fremd-vertrauten Mitstreitern aufgeführt werden soll, wenn der Fachkollege sich plötzlich in meinen pädagogischen Prozess einschaltet, oder wenn die doch skeptisch beobachtenden Ortsansässigen um ihre Gartenfrüchte bangen ... Andererseits ist die Freude über die befreiende Erfahrung groß, hier muss ich als offiziell Hilfebedürftiger (und wer ist das nicht) mit meiner ausgrenzenden, biographischen Geschichte nicht hinter dem Berg halten. Wir sind unter uns! Alle haben sich auf den Weg gemacht; und dieser hat uns am Sonntag sogar noch in den Wald geführt, wo der Pfarrer Kühnert uns unerschrocken direkt und zugleich sehr einfühlsam eine gemeinsame Begegnungserfahrung auf religiösem Felde ermöglichte, die uns noch lange beschäftigte! In der großen Rückblicksrunde konnte mit viel Freude und Dankbarkeit auf die gelungenen Tage zurückgeschaut werden und für die Zahl der erstaunlichen Rückmeldungen von den Jugendlichen mag eine beispielhaft stehen:? ... das erste Mal in meinem Leben, dass ich arbeiten wollte.?

Damit war der Grundstock gelegt für drei weitere Workcamps:
Die nächste Einladung führte uns zur Alten Ziegelei Rädel in Brandenburg, wo wir an einem wunderschönen See unsere Zeltlager aufschlugen, oft drin badeten und einen verwunschenen, an die Einrichtung angrenzenden Park lichteten, Wege bauten und mit selbstgebauten Bänken bestückten!

Hier gab es erstmalig die Freude des Wiedersehens und Wiedererkennens, sowie die überraschende Wahrnehmung: Auch die anderen sind gewachsen und haben sich entwickelt. Wieder kam lang Erübtes zur Aufführung und erfreute alle Teilnehmer. Durch eine erste Vergleichsmöglichkeit wurde auch stark erlebbar, wie unterschiedlich die so ausgesprochen individuell zu gestaltende Arbeit in der Jugendhilfe mit unseren »Zukunftszeitgenossen« die sich zusammenfindenden Mitarbeiter und ihre Einrichtungsorte prägt.

Der dritten Einladung folgend, fuhren wir ganz weit in den Osten nach OVP (?der letzte Ort vor Polen?) in die Matthisburg. Eine lange, lange Anreise ließ ahnen, dass uns hier ganz Anderes erwartet. Ein aufgeschlossener Bürgermeister lud uns ein, in seinem Dorf ganz verteilt zu campieren. In einer großen Halle konnten wir unsere Mahlzeiten kochen, einnehmen und unsere kulturellen Zusammenkünfte durchführen. So brachten wir für eine Woche Leben in das kleine Dorf Schlatkow, deren Bewohner von der Historie geprägt, zunächst sehr verschlossen hinter ihren Gartentoren und Gardinen unsere Aktivitäten erwarteten und beobachteten. Was konnten sie sehen? Tatkräftige Pflanzarbeiten an dem schönen Spielplatz, das mühevolle, schweißtreibende Graben in steinreichem Boden zur Verlegung von dem immer noch oberflächlich verlaufenden Stromkabel für die Straßenlaternen, .... aber auch fröhlich spielende Kinder und Sport treibende Jugendliche u.a.m.. Einzelne Gespräche am Zaun zeugten von der allmählichen Wandlung der Skepsis und Sorge in Anteilnahme. So konnten wir in der Abschlussrunde auf eine in dieser Region vielleicht beispielhafte friedliche Zusammenkunft zurückschauen und fuhren beeindruckt und durchaus nachdenklich wieder nach Hause, nicht zuletzt voller Anerkennung für die einsame Aufbauarbeit und den Durchhaltewillen der Pioniere der anthroposophischen Jugendhilfe im fernen, deutschen Osten!

»Quo vadis«: Zu unserem vierten diesjährigen Workcamp wurden wir in eine unserer ältesten Jugendhilfeeinrichtung, in das Schloss Hamborn, eingeladen. Aufbauarbeit war hier wohl nicht zu leisten. Empfangen wurden wir in einer großen, urigen Feldscheune »Quo vadis«, die einzig zu diesem Zweck aus Baumstämmen errichtet wurde. Hier wurden wir zum Teil auf offenem Feuer bekocht, und zu tun gab es, man lese und staune, genug! Trotz großer Gemeinschaft mit vielen Kindern und Jugendlichen: Auch hier wurden Ruhebänke gezimmert, verwachsene Parkwege freigelegt und geschottert und der lange, lange Weg zur Kapelle befestigt. Dort fand zum krönenden Abschluss eine Wiederbegegnung mit Pfarrer Kühnert statt, dem es gelang, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, dicht gedrängt auf engstem Raum in der kleinen Kapelle, zum Singen, Klingen und Lauschen zu bringen!

Die nachhaltige Forderung aus der Abschieds-Rückblicksrunde: ?Wir wollen jedes Jahr ein Workcamp ? und warum eigentlich nicht länger, so über zwei, drei Wochen?!? braucht keine weitere Erläuterung!

Egal, unter welchem Motto wir uns trafen, der offene Begegnungsraum für bis zu 100 Menschen, verbunden mit gemeinsamer, handfester, Sinn gebender Arbeit und künstlerischem Tun, eingebettet in den Alltag eines Lagerlebens, bereitete fruchtbaren Boden für tief greifende Erlebnisse und Erfahrungen. Mögen solche Workcamp-Treffen auch weiterhin unsere so oft ausgegrenzten »Zukunftszeitgenossen« in den Lebensmotiven bestärken, mit denen sie angetreten sind!

 

Von Erda-Maria Didszun 

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