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Bericht über die Parzival Schule in Berlin

Was genau ist eine heilpädagogische Waldorfschule?
Wie findet dort Unterricht statt und für wen sind diese Schulen geeignet?
Einblicke in eine heilpädagogische Waldorfschule unseres Verbandes, genauer in die Parzival Schule in Berlin-Dahlem, geben Ina und Hans D. Beyer in diesem Bericht, der in dem Magazin der Lebenshilfe für junge Eltern "Unser Kind" in der Ausgabe 2006 erschienen ist (Diesen Artikel im PDF Format sowie nähere Informationen zur Lebenshilfe und zu den Bezugsmöglichkeiten des Magazins erhalten Sie am Ende des Beitrags).

Es ist 8.20 Uhr. Ein Kind im Rollstuhl lugt vorwitzig um die Ecke und rollt wieder davon. Im Foyer der Anthroposophischen Sonderschule in Berlin-Dahlem, der Parzivalschule, tauchen aus allen Richtungen Schulklassen auf. Hand in Hand kommt auch die erste Klasse mit ihrem Lehrer Hans-Konrad Kusenberg zur Aula. Das Mädchen, eben noch im Rollstuhl, wird nun gestützt und geht zwischen den anderen.
In der Aula treffen sich täglich alle Klassen zum so genannten Morgenkreis, um hier gemeinsam den Tag zu beginnen. In diesen zehn Minuten wird zusammen gesungen, gebetet, gelacht. Die Atmosphäre ist herzlich und vertraut. Munter plaudert ein 17-jähriger Schüler mit Down-Syndrom das Alter seiner Lehrerin aus, als er sich ein Geburtstagslied für sie wünscht. Alles lacht. Die Parzivalschule ist wie alle Waldorfschulen eine staatlich anerkannte ?Freie Schule?. Sie besteht in privater Trägerschaft neben dem offiziellen Schulsystem. Jede Waldorfschule ist autonom und so variieren die einzelnen Schulen in ihrer Ausrichtung voneinander, sie sind jedoch in einer gemeinsamen Interessenvertretung des Bundes Freier Waldorfschulen organisiert. Grundlage des pädagogischen Konzepts bilden die Lehren des Anthroposophen Rudolf Steiner. Die Kinder werden im Alter von sieben Jahren eingeschult und bekommen einen Klassenlehrer, der sie acht Schuljahre lang begleitet. Ohne Lehrerwechsel kann so ein intensiver Kontakt sowohl zwischen Lehrer und Schüler als auch zwischen Lehrer und Eltern entstehen. Insgesamt beträgt die Schulzeit zwölf Jahre. 

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Der Morgenkreis hat sich aufgelöst und der Hauptunterricht beginnt. Der Raum der ersten Klasse befindet sich in einem ehemaligen Wohnhaus, das zu den ersten Bauten des Architekten Mies van der Rohe gehört. Das Klassenzimmer war einmal Wohnraum. Wohnlich erscheint der Raum noch immer: mit angenehm warmen gelben Wänden, Gardinen an den Fenstern und einem wunderschönen Ausblick in den Garten.
Der Morgenkreis in der Aula wird hier in kleiner Runde fortgesetzt. Alle Kinder setzen sich mit dem Lehrer dicht im Kreis zusammen und begrüßen sich gegenseitig mit einem Lied. Dabei können sie durch Gesten und Lautstärke variieren, wie jeder einzelne begrüßt wird ? und das nutzen sie: Es wird viel getuschelt und gelacht. Der Lehrer begleitet auf verschiedenen Instrumenten. So beginnt das tägliche Lernen der Kinder mit einer Mischung von festen Ritualen und freier Entfaltung. "Alle rhythmisch wiederkehrenden Abläufe geben dem Leben der Kinder eine seelische Grundsicherheit", erklärt Hans-Konrad Kusenberg. Es ist ein fließender Übergang zum Unterricht, der ebenfalls stark von festen Abläufen und Wiederholungen geprägt ist. Die Kinder sitzen weiterhin dicht im Kreis. Sie kommen ständig an die Reihe und bewältigen Aufgaben, jedes Kind nach seinen Möglichkeiten. So erhält Valentin Hilfe, die Zahlen eins bis drei deutlich auszusprechen, dann zählt Ceren bis 20 und Christian bekommt die Zahl 90 und zählt bis 100 weiter. Vorwärts, rückwärts, nur jede zweite Zahl nennen. Die Aufgaben sind vielfältig, genauso wie die Möglichkeiten und der Leistungsstand der Kinder. Dann werden nach dem gleichen Prinzip Wochentage und Monatsnamen gelernt.

"Alle rhythmisch wiederkehrenden Abläufe geben dem Leben der Kinder eine seelische Grundsicherheit."

Hans-Konrad Kusenberg hat in den vergangenen Jahren an verschiedenen Integrationsschulen hospitiert, weil er sich sehr mit dem Integrationsgedanken auseinandersetzt. "Immer wieder kommen Schüler im Anschluss an die integrative Grundschule zu uns. Viele von ihnen haben sich daran gewöhnt, wegzuhören", erzählt er und meint, dies basiere darauf, dass unter gleichem Dach ein Unterricht für die normal Begabten stattfindet und gleichzeitig ein Sonderpädagoge im Flüsterton einen Zweit-Unterricht für die weniger Begabten abhält. "Ich hatte mal einen Schüler aus der 6. Klasse, der eigentlich nur im Sportunterricht integriert war, weil er da mitmachen konnte. Ansonsten hatte er gelernt abzuschalten.
Er machte Papierschnipsel, während die anderen rechneten, weil er meinte, es ginge ihn nichts an." Kusenberg hingegen versucht in seiner Klasse Unterricht zu gestalten, an dem alle gedanklich mitarbeiten können. "Nur so schaffen wir es, sehr verschieden behinderte Kinder zusammen zu unterrichten. Und immer wieder muss ich nach neuen Möglichkeiten suchen, sobald ein Kind nicht mehr in den Prozess des Lernens integriert ist." Die Eltern der Schülerinnen und Schüler der Parzivalschule haben sich gegen einen Integrationsplatz an einer allgemeinen Schule entschieden. Auch in Berlin gäbe es eine Waldorfschule mit Integration. Bassams Mutter glaubt: "Bassam ist sehr langsam in allem. Ich denke, es hätte ihn überfordert." Und Cerens Mutter traut ihr durchaus zu, vom integrativen Unterricht zu profitieren, doch ?Ceren hat Weglauftendenzen. Sie ist schon einmal allein mit der U-Bahn durch die Stadt gefahren. Stundenlang wurde sie gesucht. An einer Regelschule mit Integration ist sie nicht so behütet, vor allem in den Pausen kann niemand ständig aufpassen. Ich hätte dort keine ruhige Minute.? Neben dem rhythmischen Teil des Hauptunterrichts gibt es den 'Epochenunterricht'. Das ist die mehrwöchige Behandlung eines Stoffes, ganz an dem Entwicklungsstand der Kinder orientiert. Der Lehrer kann individuelle Lehrpläne gestalten. Die Kinder lernen viele Lieder, Reime und Geschichten. Das gilt auch für die Einführung der Buchstaben. ?Immer aus Geschichten heraus wird ein Buchstabe entwickelt, der im ganz Großen beginnt, abgeschritten wird, in die Luft gemalt und ausgeschnitten wird, bis er in der abstrakten intellektuellen Form da ist. Das geht relativ schnell, so dass wir jetzt bereits alle Vokale haben und einige Konsonanten?, erläutert Hans-Konrad Kusenberg, und der Unterricht an der Tafel beginnt. Die Tische, die zunächst noch zusammenstanden, werden nun zur Tafel ausgerichtet. Alle Schüler sind bei einem Buchstaben. Trotzdem wird jedes Kind mit seinen Möglichkeiten wahrgenommen und unterstützt. Christian schreibt den Buchstaben ?S? schon richtig gut. Ceren und Valentin kommen natürlich auch dran und können den großen Buchstaben von Christian mit einer anders farbigen Kreide nachschreiben ? das können sie schaffen. Danach werden die bereits gelernten Buchstaben wiederholt und ganze Worte geschrieben.

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"Wir sehen uns als Ergänzung zum Elternhaus."

Um 10.00 Uhr zur Frühstückspause erscheint Katja Gottschald, die Betreuerin der ersten Klasse. Gleich nebenan ist die Küche, von dort holen die Kinder das Geschirr und decken den Tisch. Vor allem Ceren stellt ihre häuslichen Qualitäten unter Beweis. Sie wird gelobt und ist sehr stolz. Obst und Getränke werden von der Schule gestellt, aus ihren Schulranzen holen die Kinder ihre Schulbrote. Auch diese ?freie? Zeit wird genutzt für so genannte Tischgespräche. "Das Mitteilungsheft ist lebensnotwendig", erläutert Hans-Konrad Kusenberg. "Das hat jeder dabei. Darin steht, welche Medikamente wann verabreicht werden müssen, aber auch, was zu Hause erlebt wurde oder vorgefallen ist. Mit diesem Wissen kann ich gezielt Tischgespräche fördern. Wir locken aus den Kindern erste Worte hervor und dann kommt Begeisterung fürs Erzählen auf. Ich telefoniere auch viel mit den Eltern, und es gibt möglichst regelmäßig Elternabende." Waldorfschulen legen großen Wert auf eine enge Zuammenarbeit mit den Eltern, denn "wir sehen uns als Ergänzung zum Elternhaus". Treffen Eltern die Entscheidung für eine Waldorfschule, sollten sie sich mindestens mit den anthroposophischen Werten Rudolf Steiners auseinander setzen.

"Bei allen Defiziten hat jedes Kind irgendwo seinen Platz, wo es richtig steht und etwas zu bieten hat."

Nach der Frühstückspause geht es mit dem Fachunterricht weiter. Die Kinder haben heute Musik. Der kleine Unterrichtsraum von Georg Meyer ist voller Musikinstrumente. Schnell singen die Kinder mit ihm bekannte Lieder und schon hat auch jedes ein Musikinstrument in der Hand und kann mitmachen. Dabei geht es noch nicht um die Notenkenntnis, sondern um laut und leise, Takt, Rhythmus, Pausen - und um Spaß! Den haben die Kinder. Als Georg Meyer ein Lied durch die Anfangsnoten erraten lässt, saust Valentin zum Podest. Alle gucken erstaunt, dann fällt der Groschen. Zwar hat die Klasse das Lied erst einmal zusammen probiert, aber Valentin hat sich erinnert, dass es um Pferd und Reiter geht, und er hat sich schon mal auf das Podest gestellt, um besser ?aufsitzen? zu können. Georg Meyer freut sich sichtlich über Valentins Aufmerksamkeit und belohnt ihn mit dem ersten Ritt. Hans-Konrad Kusenberg fasst diesen
Augenblick zusammen: "Alle Kinder haben ihre bestimmten Fähigkeiten und die müssen gestärkt werden. Bei allen Defiziten hat jedes Kind irgendwo seinen Platz, wo es richtig steht und etwas zu bieten hat, was andere nicht haben."

 

schule4kind Nähere Informationen zur Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. erhalten Sie unter: www.lebenshilfe.de

Das Magazin "Unser Kind" und weitere Publikationen der Lebenshilfe sind unter www.lebenshilfe.de/content/medien/index.cfm/key.281 zu bestellen.

Die Parzival Schule erreichen Sie unter:
Heilpädagogisches Therapeutikum - Parzival-Schule
Quermatenweg 6
14163 Berlin
Telefon: 030 - 81 81 97 Fax: 030 - 81 81 97
E-Mail: hpt@waldorf.net
Internet: www.waldorf.net/therapeutikum

 

 


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