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Das Urhandwerk der Flechterei
von Thomas Hils

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Die Werksiedlung St. Christoph aus Kandern stellte anlässlich der Fachtagung des Fachbereichs Werkstätten am 23./24. März 2006 zum Thema »Zukunft der Arbeit für Menschen mit Behinderungen« eines ihrer insgesamt vierzehn Arbeitsfelder für Menschen mit Behinderung vor. Aus dem ehemaligen Arbeitstrainingsbereich entwickelte sich dort seit 1993 eine Werkstatt mit einem außergewöhnlichen, ja einzigartigen Arbeitsbereich: die Weidenwerkstatt.

Auf der Suche nach einer sinnvollen Arbeit, in deren Verlauf Schritte zu bewältigen sind, die den Möglichkeiten und Fähigkeiten unserer Mitarbeiter (so nennen wir die betreuten Menschen in der Werkstatt) entsprechen, besannen wir uns auf das Urhandwerk der Flechterei.
Wichtig waren uns dabei sowohl der Bezug des Menschen zur Arbeit als auch sein Verhältnis über die Arbeit zur Umwelt und zum Umfeld. Zum ersten Gesichtspunkt: Es gibt keine menschliche Kultur ohne Flechterei. Selbst in polaren Regionen, in denen es, im Gegensatz zu gemäßigten oder tropischen Breiten, keine pflanzlichen Rohstoffe gibt, wurden Flechttechniken mit Sehnen, Häuten und Barteln von Walen praktiziert. Ethnologische Studien behaupten, dass der Mensch erst durch die Flechterei zu einem sozialen Wesen heranreifen konnte, so durch das Herstellen von Gefäßen zum Sammeln von Nahrung, zur Bevorsichratung und zum Tausch, durch das Anfertigen von Kleidung, das Errichten von Hütten und Zäunen. Und es sind keine Maschinen erforderlich, um das Handwerk auszuüben. Jeder Korb ist von Menschenhand gemacht.
Zur Umwelt- und Umfeldbeziehung kann gesagt werden, dass wir uns eines nachwachsenden Rohstoffs bedienen, der in nächster Umgebung mit einem geringen Energieaufwand geerntet werden kann (Astschere und Handsäge)! Schon durch die Materialbeschaffung entstehen Kontakte zu Menschen aus dem Umfeld. Wir sind mit Privatpersonen, Organisationen und Institutionen wie dem BUND und Forstämtern in Kontakt, schaffen Begegnungen und Verbindungen. Über die Kundschaft für unsere angebotenen Materialien und Produkte erschließt sich ein noch viel größeres Umfeld.

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Lehrgang »Selber flechten lernen«: Ein weiterer Aspekt unserer Idee ist es, einen Beitrag zur Erhaltung und Vermittlung eines bedrohten Handwerks in unserer technisierten, digitalisierten Kulturepoche zu leisten. So haben wir beispielsweise – mit der Unterstützung des Korbmachermeisters Michael Thierschmann – den Lehrgang »Selber flechten lernen« entwickelt, in dem wir eine der ursprünglichsten Techniken der Korbmacherei, die so genannte Schanzentechnik, vermitteln. Dabei wird eine Rahmenkonstruktion mit Rippen versehen und dann ausgeflochten. Jeder der vier Lehrgangsschritte besteht aus zum Teil vorgefertigtem Material und ausführlicher Anleitung sowie umfassenden Informationen zu Technik, Material und Geschichte.

Nun zu unserer praktischen Tätigkeit: Der Produktionsprozess bzw. das Werkstattgeschehen ist eingebettet in den Jahreslauf. Die Ernte der Weiden findet im Winter von Dezember bis März statt. Ein Arbeitstrupp von vier bis sechs Menschen macht sich auf den Weg zu verschiedenen Ernteplätzen. Gut ausgerüstet scheut die Außengruppe kaum ein Wetter, doch an sonnigen Tagen ist es natürlich am schönsten. Die Weiden werden geschnitten, gebündelt, aufgeladen und anschließend zur Werkstatt gefahren. Es ist schon ein beachtlicher Berg der dann da liegt! Schätzungsweise zehn Tonnen verschiedenster Weidensorten, die längsten sind fünf Meter lang. Der Prozess des Sortierens beginnt: Die dicksten Weiden werden herausgezogen, die Seitenverzweigungen werden mit der Rebschere abgeschnitten und in einer Tonne gesammelt. Die bearbeiteten Weiden werden nach Qualität sortiert und harren gebündelt der Weiterverarbeitung. Ein Anwendungsbereich ist die Lebendverbauung zu Zäunen, Hütten oder Bachbefestigungen. Dies kann nur in der Zeit der Ernte bis in den Mai hinein geschehen.

Die qualitativ hochwertigen Sortierungen gelangen in den Produktionskreislauf der Werkstatt. Zum Schälen werden ausgesucht schöne Weiden zum Treiben ins Wasser gestellt, bis sie Wurzeln und Blätter bilden, erst dann können Sie mit einem einfachen Werkzeug, dem Schäleisen, von ihrer Rinde befreit werden. Wir erhalten dadurch Weidenrinde als Flechtmaterial (das gibt es nur bei uns!) und die geschälte weiße Weide als Rohmaterial zur Weiterverarbeitung. Für die Schanzentechnik braucht man vorgebogene Weiden. Diese werden auf Holzrollen mit verschiedenen Durchmessern gewickelt, dann getrocknet und wieder abgewickelt. Die so entstandenen Ringe sind die ersten angefertigten Produkte.
Sie werden als Rohmaterial verkauft oder von uns durch das so genannte Schalmen verarbeitet. Ein weiterer Arbeitsprozess ist das Spalten der vorzugsweise geschälten Weide in drei Teile. Dazu wird die Weide etwa 30 cm unterhalb der Spitze mit dem Messer diagonal abgeschnitten. An dieser Stelle werden zwei Schnitte angebracht, in die der Dreispalter eingeführt wird. Der nächste Schritt erfordert äußerstes Feingefühl: In der einen Hand das Werkzeug, in der anderen die Weidenrute, muss der Dreispalter nun mit einer rhythmischen Bewegung durch die Mitte geführt werden. Auf kleinste Veränderungen in der Struktur der Weide müssen die Hände mit Druckverlagerung reagieren, nur dann erhält man drei gleichwertige Weidenschienen. Hat man es geschafft, ist man zutiefst befriedigt und gespannt, ob es bei der nächsten auch so gut gelingen wird. Ich möchte hier nicht alle Einzelheiten des Produktionsprozesses beschreiben, sondern noch darauf eingehen, wie die Begegnung und Beschäftigung mit diesem Material auf den Menschen wirkt. Die Fülle der Erscheinungsformen der Weide, die Sortenvielfalt mit ihren sehr differenzierten Eigenschaften, bietet eine breite Palette an Reizen, denen man sich kaum entziehen kann: Das nuancierte Farbenspiel, der elegante, aufrechte Habitus, der herbe Duft, die Elastizität. Die handwerklichen Tätigkeiten vermitteln Identität und Selbstbestätigung, stärken die Persönlichkeitsentwicklung und bieten eine erweiterte Sozialisation.


Durch unsere Arbeit erleben wir einen Wertschöpfungsprozess ersten Grades. Auf der Basis von selbst geernteten Weidenruten, durch unser Zutun oder auch nur unsere Anteilnahme, verwandelt sich etwas doch ziemlich gering geschätztes (eine Weidenrute), in den Bestandteil eines Produktes, das verkauft, mit dem gehandelt wird und mit dem die Kreativität der Kunden angeregt wird – eine runde Sache!

Interesse?
Wenn Sie an »Selber flechten lernen« oder
an unserem Projekt interessiert sind:
Werksiedlung St. Christoph, Flechtwerkstatt
Glashütte 1, 79400 Kandern
Tel. 07626-915115, Fax 07626/6490
oder: T.Hils@werksiedlung.de

 

 

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