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Menschliche Begegnung in der Musik I
Aufführung einer integrativen Theatergruppe aus Rohrlack in Brandenburg

Schattenspiel2

Von Ulrike Apitz, Kristina Dieckmann, Juliane Keil, Bernd Meißner, Christian Zahl

Von der Tatkraft und Gestaltungsenergie der Rohrlacker kann man sich in der PUNKT UND KREIS Michaeli 2007, Seite 16 überzeugen. Dort heißt es, dass eine Quelle der dörflichen Gemeinschaft die Kultur sei. An dieser Stelle möchten wir Ihnen ein solches integratives Kulturprojekt aus Rohrlack vorstellen:
'Die Kinder des Lir- Eine keltische Mythe' war Titel einer anspruchsvollen Herausforderung, der sich einige Mitglieder der Lebensgemeinschaft Rohrlack-Vichel in diesem Jahr stellten...

Schon in der Vergangenheit gab es musikalische Ereignisse, die vom Miteinander der Lebensgemeinschaft und der Einwohner der Dörfer Rohrlack und Vichel lebten. Da gab es zum Beispiel die Aufführung des „Sängerkriegs der Heidehasen“ von James Krüss, an denen viele Mitwirkende und Zuschauer ihre Freude hatten. Doch nun kam einen neue Idee hinzu: die Lebensgemeinschaft wollte das innere Wirken auch nach außen tragen Und so wurde eine musikalisch-eurythmische Aufführung mit einer Spende für das Neuruppiner Hospiz verbunden. Es war der Versuch, die menschliche Begegnung greifbar zu machen. Und Begegnungen fanden in vielfacher Hinsicht statt: ob nun zwischen Zuschauern und Aufführenden oder für jeden Einzelnen im Erfahren von Klang, Licht und Schatten.

Die Probenzeit: Die Proben begannen im Winter. Einmal wöchentlich trafen wir uns zum Erarbeiten des Stückes. Unsere Übungsleiterin Almut hatte als Musiktherapeutin einen großen Fundus an verschiedensten Instrumenten mitgebracht: Leiern, Krummhörner, Flöten, Klangstäbe usw. Es begannen sechs Monate harter Proben, denn immer wieder gab es Veränderungen, Instrumententausch oder Umbesetzung der Stimmen. Ab Pfingsten probten wir zweimal wöchentlich. Und das war auch gut so, denn das Pensum, das wir zu bewältigen hatten, war enorm. Es kamen nun auch noch vier betreute Mitbewohner hinzu, die einige Lieder auf Chrotten und Kupferglocken begleiteten. Da hieß es, viel Geduld haben! Die Proben wurden immer intensiver und das Üben fand nun auch zunehmend in den eigenen vier Wänden statt. Alle investierten viel Kraft in die Erarbeitung der Stücke. An Himmelfahrt hatten wir eine Gesamtprobe mit einer Spachgestalterin aus Osnabrück, so dass wir einen schönen Überblick über das Zusammenspiel von Sprache und Musik erhielten. Das gab unseren Proben noch einmal neuen Elan.

Unsere Motivation: Was ließ uns so lange Zeit durchhalten? Das fragten sich viele Außenstehende in den Probenwochen. Wahrscheinlich war es vor allem die Wohltat der künstlerischen Betätigung und für einige von uns auch noch die Herausforderung, ein neues Instrument zu erlernen. Doch nicht zuletzt war diese Zeit auch ein Übungsweg, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Zum einen mussten wir die äußeren Gegebenheiten organisatorisch bewältigen. Was musste nicht alles bedacht werden! Die Proben waren zu planen, Fehlzeiten zu berücksichtigen. Ja, ganz banale Dinge, wie das Aufstellen der Stühle und Notenständer mussten minutiös geplant werden, damit die Proben einigermaßen pünktlich beginnen konnten. Und dann wurden die Aufführungstermine festgelegt. Immerhin mussten alle Mitwirkenden in dieser Zeit freigestellt werden.
Ein zweiter Übungsweg bestand darin, sich im Musikalischen zu betätigen. Wir alle hatten eine Menge dazuzulernen, denn schließlich war niemand von uns „vom Fach“. Die neuen Instrumente zu ergreifen, war da eher die kleinere Hürde. Schwieriger wurde es schon, solistisch oder als kleiner Chor die Stimme derart zu schulen, dass die Ästhetik gewahrt wurde, und auch Aufregung und Nervosität das Stück nicht ins Wanken bringen konnten. So mancher von uns hätte sich vor dem Singen am liebsten gedrückt. Doch Almut ließ nicht locker und verteilte mutig ein Solo nach dem anderen an uns. Eine große Hürde war auch die ungewohnte Pentatonik der keltischen Gesänge. Sich ganz in diese Stimmung einzuleben, dauerte eine ganze Weile.

Die größte Herausforderung bestand jedoch ohne Zweifel im sozialen Miteinander. Obwohl wir eine Gruppe unterschiedlichster Individualisten mit vielfach verschiedenen Alltagshintergründen und künstlerischen Ansprüchen waren, gelang es uns während dieser anstrengenden Zeit, alle Befindlichkeiten, Grüppchenbildungen und bösen Worte zu vermeiden und stattdessen die Probleme offen anzusprechen. Das war wohl insgesamt die größte Anstrengung aber auch der größte Erfolg auf unserem Weg. Nicht zu vergessen wäre noch der therapeutische Aspekt, der in vielschichtiger Hinsicht wirkte. Jeder musste sich mit den eigenen Schwächen auseinandersetzen und durfte das auch von den anderen Gruppenmitgliedern verlangen.

Die Generalprobe: Das Wochenende der Aufführungen war gekommen. Den Anfang machte die öffentliche Generalprobe am Donnerstag, den 21.06.2007 im Vicheler Schloss. Erstmals fanden sich alle Mitwirkenden zusammen, um gemeinsam zu proben und sich aufeinander abzustimmen.
Wir standen vor der Aufgabe, die Einzelelemente Licht, Eurhythmie, Musik und Erzählung als großes Ganzes zusammenzufügen und in Einklang zu bringen. Das Licht schuf eine wundersame Atmosphäre, Musik erfüllte den Raum mit sanften Klängen und die Stimme der Erzählerin - Angelika Maurer - ließ die Geschichte lebendig werden. Im Gleichklang der Erzählung bewegten sich die Eurythmisten hinter einer Schattenwand – nur schemenhaft zu erkennen und in buntes Licht getaucht.

Die Aufführungen: Am Freitag, den 22.06.2007 fuhren Musiker und Erzählerin in das Berliner Seniorenheim Vitanas. Die Vorführung der Keltischen Mythe sollte im Speisesaal des Hauses stattfinden, da nur dieser Raum die Möglichkeit bot, das Stück einem größeren Publikum nahe zu bringen. Eine große Bedeutung hatte für uns die Anwesenheit der Verfasserin Frau Maria Schüppel. Sie ist seit einigen Jahren eine Bewohnerin dieses Heimes. Sie war der Mittelpunkt dieser Vorführung und gab uns Kraft, Halt und Sicherheit. Das Publikum bestand fast ausschließlich aus Bewohnern des Hauses, die alle aufmerksame und dankbare Zuhörer waren.

Den folgenden Tag prägten die Reisevorbereitungen für die Fahrt nach Osnabrück und natürlich die Aufführung im Vicheler Schloss am Nachmittag. Zahlreiche Gäste waren eingetroffen, um zu hören und zu sehen. Die Atmosphäre im Schloss glich der der Generalprobe, obwohl das große Publikum einen feierlicheren und festlicheren Rahmen bot. Unsere Bemühungen und unser Mut wurden mit großem Applaus und vielen Spenden belohnt. Später fanden sich alle zum gemeinsamen Kaffeetrinken zusammen.
Unsere dritte und letzte Aufführung war in der Christengemeinschaft Osnabrück: Als wir dort eintrafen, besichtigten wir erstmal die Räumlichkeiten, die uns für die Veranstaltung zur Verfügung gestellt wurden. Wir hatten die Ehre, in der Kapelle der Christengemeinschaft vortragen zu dürfen. Doch leider barg genau dieser Ort ein Problem. Denn die ungewöhnliche Akustik des Raumes machte es uns unmöglich, in gewohnter Sitzordnung aufzuführen. Wir entschieden uns daher für einen gewagten Versuch: Die vier Cellisten nahmen ihren Platz seitlich der Hörer ein. Sänger und Leierspieler saßen hinter dem Auditorium, und Krummhörner und Erzählerin standen vor ihnen. Das Publikum saß nun umschlossen von den Musikern in der Mitte des Raumes und von allen Seiten drangen die mythischen Klänge zu ihren Ohren. Es hatte das Gefühl, sich in einer akustischen Glocke zu befinden. In der Kapelle selbst herrschte eine wundersame Atmosphäre, die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlte. Die Wirkenden mussten sich während dieser Zeit immer neu an die vorgefundene Umgebung anpassen. Flexibilität, Koordination und gute Zusammenarbeit waren daher stets sehr wichtig. Dieses Projekt ließ nicht nur die Musik-Gruppe sondern auch die Gemeinschaft ein wenig stärker (zusammen) wachsen.
Unser besonderer Dank gilt den Zuhörern und Spendern, die den Aufführungen mit offenen Ohren und geöffnetem Herzen beiwohnten.

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Die Autoren:

Kristina Dieckmann: seit 2006 Hausverantwortliche in der Lebensgemeinschaft Rohrlack-Vichel

Ulrike Apitz: lebt seit 1998 in Rohrlack, ist verheiratet und hat drei Kinder

Bernd Meißner: lebt seit 2000 in der Lebensgemeinschaft, ist in der Gärtnerei tätig

Christian Zahl: lebt seit 1998 in der Lebensgemeinschaft, ist in der Hausmeisterei / Tischlerei tätig.


 

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