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Wir gründen eine Stadt!
Das Interview mit Ruth Lossen in der ausführlichen Version

Ruth Lossen

Ruth Lossen, Mitbegründerin der Lebensgemeinschaft Sassen erzählt in diesem Gespräch mit Sabine Petersen-Lossen über ihr Leben, ihre erste Begegnung mit der Anthroposophie und die Motive, die sie und andere dazu bewegt haben eine neue Lebensgemeinschaft zu gründen, um mit und für Menschen mit Behinderungen zusammen zu leben.


Gespräch mit Ruth Lossen, Jahrgang 1917, geführt in der Lebensgemeinschaft Sassen am 22. Mai 2007, 5 Wochen vor ihrem 90. Geburtstag.

Die Fragen stellt Sabine Petersen-Lossen. Sie nennt Ihre Schwiegermutter „Farmor“ (schwed. „Vaters Mutter“), ein von den Kindern gewähltes Kosewort für ihre Großmutter.

Hier folgt ein Auszug aus dem etwa zweistündigen Interview.

 

SPL:

Liebe Farmor, ich freu' mich…

RL:

Ich auch!

SPL:

… dass wir das machen dürfen. Ich hab mir ein bisschen Gedanken gemacht. Du hast ein ganz spannendes Leben und ich muss es ja in Stufen zum Ausdruck bringen können, für Dich, dass Du uns da etwas erzählst für die Zeitschrift „Punkt und Kreis“. Schon immer wolltest Du Schauspielerin werden. Magst Du aus Deiner Kindheit und Jugend uns etwas erzählen?

RL:

…Als Kind… Ich hatte ja zwei Geschwister, das waren Zwillinge, Werner und Gisela. Das allerwichtigste in meiner Kindheit war mir mein Großvater. Was mein Großvater sagte, das war mir, als hätte es der liebe Gott höchstpersönlich gesagt. Den habe ich über alles geliebt und als er starb – da war ich gerade fünfzehn Jahre alt – das war für mich so etwas wie ein Weltuntergang. Bis heute ist das so; da weiß ich jede Sekunde, was sich da ereignet hat. Und da bin ich auch nie ganz mit fertig geworden.

Mein Vater war ja wenig für uns da, erst der Krieg und dann haben er und meine Mutter sich ja auch früh getrennt. ---

SPL:

Wie alt warst du, als du dann zum Vater gezogen bist mit deinen Geschwistern?

RL:

Ich war 15 und wurde 16 da. Und Werner und Gisela waren 1 ½ Jahre jünger als ich. --- Ja und eines Tages haben wir beschlossen, wir wollten wieder zu der Mutter. Da sind wir mit der Eisenbahn nach Remscheid –Lennep gefahren. Wir hatten uns 90 Pfennige bei der ehemaligen Waschfrau geliehen – die Fahrt kostete 30 Pfennige – die hatten wir nicht. Wir sind nach Lennep gefahren zu den Tanten. Sie hatten uns versprochen, wenn wir es nicht mehr aushalten, würden sie uns zurückbringen zur Mutter. Jetzt haben sie das natürlich nicht getan! Sie waren entsetzt, dass wir kamen... Dann ist die Tante Grete mit uns nach Elberfeld gefahren und hat die halbe Nacht mit meinem Vater gesprochen und da hat sich vielleicht ein bisschen verändert, aber nicht sehr viel… Aber ich habe gedacht, ich muss so schnell wie möglich weg aus dem Haus. Und .. ich hatte ja lange mich schon entschlossen Schauspielerin zu werden – mein Vater wollte da nicht ran. Aber er hatte einen Freund, der auch Rechtsanwalt war und der eine Schauspielerin als Frau hatte. Wir saßen einmal zusammen im Auto und da hat diese ehemalige Schauspielerin zu meinem Vater gesagt: „Nun probier es doch erstmal! Guck mal, sie hat so eine schöne, warme Stimme, lass sie doch erst mal prüfen und erlaube ihr das, was sie sich da so wünscht. So kam ich nach Essen auf die Folkwang-Schule und das habe ich auch nie bereut. Hatte da einen ganz phantastischen Direktor – nachher wurde ich bei ihm auch Einzelschülerin.

SPL:

Ich würde an dieser Stelle gerne fragen wollen: Du hast diese Ausbildung beendet, Du hast Deinen Mann kennen gelernt und Du hast in dieser besonderen Zeit, nämlich der Kriegszeit, Deine ersten Aufführungen gehabt.

RL:

Das war so! Meine Abschlussprüfung habe ich in Berlin gemacht und bestanden. Dann fing am 1. September mein Engagement in Neuss an und ich erschien da und wir setzten uns alle in den Saal und der Intendant sprach zu uns und sagte: „Der Krieg ist ausgebrochen – wir sind ab heute Fronttheater!“

SPL:

Auch – glaube ich – eine entscheidende Stelle in Deinem Leben; der Krieg hat Dich geprägt, aber eben auch Dein persönliches Leben, Du hast Wolf getroffen und auch noch im Krieg Deine Kinder bekommen.

RL:

Ja!

SPL:

Hat das etwas Besonderes in Deinem Leben bedeutet?

RL:

Also, auf die Kinder habe ich mich sehr gefreut! Mein Onkel Sigfried und die Tanten waren entsetzt, dass wir uns gleich Kinder bestellten, nicht. Aber wir haben uns sehr gefreut! Und der Peter war kaum auf der Welt, da kündigte sich der Timm auch an. --- Wenn ich sie mir heute ansehe, das ist das Beste, was ich in meinem Leben fertig gebracht habe, glaube ich. Was Besseres wüsste ich nicht. (lacht leise)

SPL:

Nach dem Krieg ging das Leben für Dich weiter – nicht als Schauspielerin; Du warst für Deine beiden Söhne da... Dein Mann stand auf der Bühne… War das ein Problem für Dich?

RL:

Also zuerst war es schon ein Problem! Ich war ja zum Theater gegangen, weil ich das so liebte, das Theater so liebte und ich liebte es auch, auf der Bühne zu stehen. Aber es ging dann ja gar nicht. Als der Krieg zu Ende ging, da hatte ich ja die beiden Kinder bei mir und musste für die sorgen. Und dann hat Wolf auf der Bühne gestanden und hatte ein Engagement – aber ich musste ja bei den Kindern bleiben. Und ich bin gerne bei den Kindern geblieben, obschon es mir ein bisschen wehgetan hat, nicht mehr bei der Bühne zu sein.

SPL:

Du warst nicht nur Hausfrau und Mutter in der Zeit, als Deine Kinder groß wurden. Du hast viel noch dazu getan.

RL:

Ja… Also ich war auch Pfadfinderführerin, meine kleinen Jungs waren ja bei den Wölflingen – die kleinsten Pfadfinder sind das – und ich wurde gefragt, ob ich die Wölflinge führen würde. Ich war selig, dass ich dabei sein konnte! Ich wüsste ja nicht, was sie allein alles anstellen würden! Und dann habe ich eine Gruppe von 28 kleinen Wölflingen geführt.

SPL:

Du erwähntest Dein Engagement bei den katholischen Pfadfindern…

RL:

Ja…

SPL:

Ist es richtig, dass Du evangelisch getauft worden bist?

RL:

Ja…Ich bin evangelisch getauft worden, bin auch konfirmiert worden… Dann bin ich katholisch geworden. Ich war auf dem Land mit meiner Mutter, bevor mein erstes Engagement anfing, und neben dem Gutshof, wo wir untergebracht waren, war die Kirche. Das war eine katholische Kirche. Da habe ich das alles mitgekriegt; ich bin in diese katholische Kirche gegangen, ich habe mitgekriegt so eine Wallfahrt über die Felder und dann habe ich auch mitgekriegt – also ich wusste, das Allerheiligste wird getragen, das ist Christus selber in Gestalt von Brot und Wein. Und da habe ich mich gewundert über die Männer, die ein Taschentuch auf den Boden…, klopften sich die Hosen ab und so um da niederzuknien und da habe ich gedacht, da kann man sich doch nur in den Staub werfen, wenn das Christus ist und sich nicht die Hosen abklopfen! Fürchterlich! Ich nahm das alles sehr, sehr ernst. Ja, und da bin ich zu dem Pfarrer hin, das war so ein alter, ehrwürdiger Pfarrer und habe gesagt: „Haben Sie vielleicht ein Buch für mich über den Katholizismus?“ Der war hilflos – er hat mir einen Katechismus mitgegeben. Und dann las ich da über die Engel. Und was da über die Engel stand; da habe ich gedacht: Das ist es! Daran glaube ich! Ja, und dann kam ich nach Neuss und der hatte mir eine Adresse gegeben von einem Geistlichen in Neuss, an den ich mich wenden sollte… naja… Und die Kirche war direkt neben dem Theater und wie wir zum Theater gingen, meine Mutter und ich, war die Kirchentür weit offen und es drangen Kinderstimmen heraus, die sangen mit einem Geistlichen. Und ich sah diesen Geistlichen, das war so ein junger Kaplan, und da habe ich gedacht, soll ich den fragen? Aber ich hab mich geniert, da habe ich lieber geschrieben an diese Adresse. Und der schrieb mir zurück, ich sollte da und da, Marktplatz sowieso, hinkommen und ich schelle da und wer macht mir auf? Dieser junge Geistliche! Das war Kaplan Josef D. Der hat nachher die Kinder getauft und so und ein ganz enges, liebevolles Verhältnis zu uns gehabt. Er hat mich vorbereitet für den Übertritt in die katholische Kirche und da bin ich am Tag vor Weihnachten, am Heiligabend, katholisch geworden. ---

SPL:

Du warst gerade mit Leib und Seele katholisch geworden, da kam die Anthroposophie in Dein Leben. Ist das richtig?

RL:

Ja, ich war wirklich mit Leib und Seele katholisch. Ich ging fast jeden Tag in die Messe, in aller Morgenfrühe, bevor die Kinder in die Schule mussten… Und …da wurde ich krank, ziemlich sehr krank und musste monatelang in ein Sanatorium im Schwarzwald, wo der Chefarzt Dr. Walter Bühler war. Ein bekannter Mann in anthroposophischen Kreisen. Und der hielt jede Woche Vorträge, nahm sich aber auch viel Zeit für seine Patienten. Und ich war ja auch so – unterwegs… Seine Vorträge haben mich fasziniert. Das war auch etwas ganz Neues für mich – Anthroposophie. Und da hatte ich ja viel Zeit, alles das kennen zu lernen, über diese Dinge nachzudenken. Und als ich dann nach Hause kam - mit all diesem anthroposophischen Gedankengut in unser katholisches Zuhause. Das war schon ziemlich hart. Auch für mich. Nämlich ich fühlte mich ja auch verantwortlich für die Familie. Und für den ganzen Freundeskreis, den wir hatten, war das schon ziemlich hart, was ich denen zugemutet habe. Aber ich konnte auch nicht über meinen Schatten springen. Wenn das jetzt so wichtig für mich geworden war, musste ich ja dazu stehen. Ja, das war sicher keine leichte Zeit, weder für Wolf, noch für meine Mutter, noch für unseren ganzen Freundeskreis. Aber wir sind ja damit fertig geworden.

SPL:

Das wirkte dann ja in Euer Leben hinein. Du hast den anthroposophischen Arzt, Dr. Wilhelm zur Linden kennengelernt…

RL:

Ja, der hatte mich ja dahin geschickt. Der Dr. zur Linden war unser Arzt und der sagte, ich kann Dich auch ins Allgäu schicken, in eine katholische Einrichtung, das geht genau so gut und da bist Du auch gut aufgehoben. Du musst nicht dahin, in den Schwarzwald. Aber ich habe gesagt, nein, was Sie da erzählen, das klingt interessant, ich möchte schon gern dahin. Ja, und so kam ich zur Anthroposophie. Und der Dr. zur Linden war ja auch für uns so ein Vorbild. Also ich weiß, er hat mich mal in sein Wohnzimmer geführt, ans Bücherregal, da konnte ich mir etwas raussuchen. Und da habe ich mir etwas rausgesucht, wo er sagte: “Ja, das brauchst Du ja eigentlich nicht zu lesen, ich kann Dir auch etwas geben von katholischen Schriftstellern, was Dir vielleicht mehr liegt.“ „Nee“, sagte ich, „das möchte ich nicht.“ Ich weiß nicht mehr, was ich mitgenommen habe, irgendein einführendes Buch war es. Und da hatte ich Zeit genug, mich damit zu beschäftigen, eben auch durch meine Krankheit.

SPL:

1962 war Dein ältester Sohn 21 Jahre alt. Ist es richtig, dass Du da Dr. Karl König begegnet bist, in Bonn?

RL:

Das kann sein, dass das da war. Also der Dr. König hatte ja etwas an sich, was die Leute bezaubern konnte. Da habe ich mir aber gesagt: „Dazu bist Du zu alt, Dich bezaubern zu lassen. Also, da gehst Du anders ran.“

SPL:

Das Stichwort „Da bin ich zu alt, mich bezaubern zu lassen“ möchte ich gerne aufnehmen. Du warst 1962 45 Jahre alt, wahrlich ein Alter, in dem man eher auf das schaut, was man getan hat als auf das, was vor einem liegt. Heute wissen wir: Es war erst die Hälfte Deines Lebens. Ein ganz neuer Beginn in einem neuen Lebensabschnitt.

RL:

Das kann man sagen! Das habe ich ja damals nicht gewusst. Und da war unser Kreis, zu dem Hanno Heckmann gehörte, Günther Schönemann, seine Frau, Seuferts, alle waren sehr angetan von Dr. König und ich fiel da wirklich ein bisschen raus…

SPL:

Hanno Heckmann – der Name fiel… Wohl ein ganz wichtiger Mensch in Deinem Leben. Ihr habt die Dorfgemeinschaft Sassen begründet. Magst Du zu diesen Anfängen etwas sagen?

RL:

Ja. Also Hanno fiel auch ein bisschen da raus aus diesem ganzen Kreis, weil er ja sehr eigenwillig war, seine eigenen Ideen über alles hatte und danach ging. Aber ich konnte ihn gut verstehen. Für ihn war es ganz wichtig, sich um Menschen zu kümmern, die im Leben nicht allein zurechtkamen. Er war da mal bei Dr. König in Schottland gewesen, nur 3 Wochen, aber er kam begeistert von all dem zurück, er hat seinen Beruf über Bord geworfen, er war Buchhändler, und ist auf den Lehenhof gegangen, hat ihn mitbegründet damals, hat auch Freunde mitgenommen, Günter Schacht und seine Frau…

SPL:

Kannst Du etwas sagen: Was war die Idee, ein Dorf zu gründen? Du erwähntest einmal: In Godesberg, um den Küchentisch: „Wir gründen ein Dorf“ – eine Be-Geisterung. Worin lag die Begeisterung?

RL:

Ich weiß noch, wie wir in Godesberg um den Küchentisch liefen (singt) „Wir gründen eine Stadt, wir gründen eine Stadt…“ haben wir gesungen. Also, wer uns da gesehen hat, hat wohl gedacht, bei denen piept´s wohl. Die sind nicht ganz richtig im Kopf. Aber – wir hatten die Idee! Wir wollten etwas gründen, wo man mit diesen Menschen zusammen lebte… „Stadt“ haben wir gesagt… „Dorf“ hätte ja auch gereicht, nicht? (lacht) Ja. So entstand das. Aber keiner von den Freunden – wir haben gefragt: “Macht Ihr mit?“, ich weiß noch, da standen wir bei S. zwischen zwei Zimmern in der Türe und die waren verlegen und sagten Nein. Alle haben gesagt, Ihr seid ja ganz nette, liebe Menschen, aber das trauten sie uns nicht zu, dass wir am Boden blieben. Wir spinnen so´n bisschen. Und da standen wir sehr alleine da. Total alleine. Hat keiner mitgemacht.

SPL:

Die Idee dieses besonderen Dorfes Sassen bestand doch darin, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen leben wollten. Magst Du dazu etwas sagen?

RL:

Ja. Das war uns ganz wichtig. Das hatten wir ja auch schon erlebt auf dem Lehenhof. Auf dem Lehenhof hat es der Hanno aber nicht lange ausgehalten. Er hatte einen ganz schwerst behinderten Menschen bei sich aufgenommen und die waren ja ganz im Anfang erst. Heute kann ich das begreifen, dass die sagten, „Das geht nicht, dafür sind wir noch nicht weit genug, dass wir einen so schwer behinderten Menschen aufnehmen können.“ Der musste ja rund um die Uhr betreut werden. Aber Hanno hat das genommen als Grund, vom Lehenhof wegzugehen. Er hat gesagt, ich pack ihn ins Auto und wir kommen zu Euch nach Godesberg. In unser Haus nach Godesberg. Naja… Wir hatten keinen Zaun zu den Nachbarn, da lag die Frau D. da im Liegestuhl und da sprang der da rüber und turnte um sie herum. Und das gab Ärger. Auch im Haus gab es Ärger, weil im Haus ja noch Mieter wohnten. Und da ging das auf die Dauer nicht. Da haben wir beschlossen, wir fahren zum Sonnenhof in die Schweiz, wo dieser Junge seine Kindheit verbracht hatte und da wurde er ja auch wieder aufgenommen. Und ich habe dann auch eine kurze Zeit mitgemacht und habe gesehen, ob ich so etwas überhaupt will und kann. Und als wir am ersten Abend ins Speisehaus rübergingen, da haben wir uns über uns selbst kaputtgelacht, dass wir so etwas anfangen wollten. Weil wir uns das eigentlich nicht zutrauten. So wie das war.

SPL:

Der Ansatz des Zusammenlebens mit Menschen mit Behinderung liegt ja in der Anthroposophie: Die Ich-Persönlichkeit eines Menschen ist immer eine gesunde. Das waren Hannos Worte und das waren sozusagen die Gründungsworte des Dorfes Sassen. Hast Du das auch so sehen können?

RL:

Ja, das habe ich so gesehen. In vielen Dingen sind sie ja viel gesünder als wir. Im miteinander-Leben; so etwas von Geduld! Auch mit den Fehlern der anderen, das ist beispielhaft. Und das haben wir dann ja auch gelernt, anders zu sehen. Bis heute hat mir das nicht Leid getan… Wir haben dieses Sassen ja auch begründet, damals… Alle meine Freunde haben gesagt, Ihr seid nicht richtig im Kopf. Und als wir dann noch unser Haus verkauften, um nach Sassen zu gehen, und hatten das Geld in der Tasche von Freitagabend bis Montagmittag. Und dann gingen wir zur Bank und haben es eingezahlt – aber wir haben mit unseren Söhnen auch darüber gesprochen und die waren damit einverstanden – und da haben wir gesagt, das ist die Grundlage dann, also, das geben wir da für Sassen rein. Und da haben wir dann nicht 5 Pfennige mehr als jeder andere Mitarbeiter hier auch. Und es hat auch Segen darauf gelegen. Nämlich wenn ich jetzt denke, in meinem Alter, lebe ich jetzt in dieser schönen Wohnung, ich hab es so gut, ich werde versorgt von hinten und von vorn, mir kann gar nichts passieren…

SPL:

Auch ein wunderbarer Ansatz: Ich werde versorgt von vorne bis hinten… Du hast aber etwa 20 Jahre nach der Mitte Deines Lebens andere Menschen „versorgt“… Aber nicht, um sie nur zu versorgen, sondern eben mit ihnen zu leben, mit den Menschen mit Behinderung.

RL:

Das war uns wichtig: Miteinander leben! Ich weiß, wie wichtig es uns war. Wir saßen ja alle miteinander an einem Tisch. Die Tischgespräche waren etwas ganz Wesentliches. Und auch das Interesse zu wecken von jedem einzelnen. „Ja also, Ihr hattet ja heute eine Konferenz; worüber habt Ihr denn gesprochen?“ Und dann haben wir gesagt: Das und das können wir erzählen aber es sind noch einige Sachen, die sind noch gar nicht spruchreif, die müssen wir noch fertig ausbrüten, das erzählen wir dann ein andermal, wenn es an der Zeit ist. Damit waren auch alle immer einverstanden. Aber uns war es ganz wichtig, das Interesse zu wecken an Allem, was um sie herum geschah. Es ist ja auch ihr Dorf, es ist ja nicht mein Dorf, Wolfs Dorf oder so. Es ist unser Aller Dorf. Sie prägen es ja. Und sie haben so viel liebevolle Geduld miteinander. Wir haben viel lernen können von ihnen, bis heute. Und dafür bin ich auch sehr dankbar.

SPL:

Du hast damals viel gegeben. Als Hausmutter. Du hast noch einmal eine Mutter-Rolle angenommen; bist nicht auf die Bühne, ans Theater, sondern auf die Bühne des Lebens gegangen. Was war das schönste daran?

RL:

Die Zufriedenheit, die das mit sich bringt. Wenn Du Dich abends ins Bett legtest, konntest Du immer sagen, der Tag hat seinen Sinn gehabt. Der hat von morgens bis abends Sinn gehabt. Und man hat so viel von einander gelernt. Man hat ja nicht nur selber gegeben, sondern man hat sehr, sehr viel zurückbekommen. Und für uns war es immer wichtig, für Wolf und mich, diese Bewusstseinserweckung. Ich habe immer gesagt: Der Kopf muss immer wissen, was die Hände tun. Das ist ganz wichtig! Es ist nicht egal, wie Ihr die Kannen alle dahin stellt. Sondern: Der Kopf muss wissen, was die Hände tun. Es muss alles schön aussehen, alles in Reihe da stehen, nur dieses kleine Beispiel. Das war ganz, ganz wichtig. Und das ist für mich bis heute wichtig: der Kopf muss wissen, was die Hände tun.

SPL:

Auch ein wunderbares Stichwort: Ich denke, Du hast helfen können, dass äußere Ordnung, Gemütlichkeit, Atmosphäre in Deiner Familie geschaffen wurden. Ist es richtig, dass die Menschen in Deiner Familie, für die Du das geschaffen hast, Dir geholfen haben, zu einer inneren Ordnung zu kommen?

RL:

Das ist ganz bestimmt so, dass man dadurch auch zu einer inneren Ordnung kommt. Das geht nicht so spurlos an einem vorbei. Und wenn man einsieht, dass das anderen nützt, muss man es ja auch für sich selbst in Anspruch nehmen. Das, was ich anderen empfehle! Und das habe ich doch – glaube ich – immer versucht.

SPL:

Noch einmal kurz zu dem Gedanken, dass Du Dich jetzt in dieser Gemeinschaft, die Du mit begründet hast, geborgen fühlst: Geben und Nehmen hast Du immer in Deinem Leben selbst erfahren und gegeben. Ist das richtig?

RL:

Ja, das ist heute richtig. Und ich freu mich auch, wenn noch heute, wo ich alt bin – ich werde jetzt 90 Jahre alt – es Menschen gibt, die zu mir kommen, weil sie vielleicht einen Rat brauchen oder mir etwas erzählen, das Herz erleichtern wollen. Und denken, weil ich so alt bin und vielleicht auch viel Erfahrung gemacht habe, dass ich Rat geben kann in einer verzwickten Situation. Das freut mich immer, dass ich nicht vergebens hier sitze.

SPL:

Vieles in Deinem Leben ist anders verlaufen, als Du es geplant hast. Wo hast Du Not empfunden, was hat Dich glücklich gemacht?

RL:

Glücklich gemacht hat mich immer Begegnung mit anderen Menschen. Weil das das Allerschönste ist, was einem begegnen kann. Ein anderer Mensch. Das hat mich glücklich gemacht. Was mich traurig gemacht hat – kann ich im Moment (lacht) gar nicht sagen… Muss ich extra drüber nachdenken. – Traurig macht mich oft, wie es in der Welt zugeht. Wo es doch so einfach sein könnte! Wenn man das sieht oder wenn Menschen lieblos übereinander sprechen hier in unserer Gemeinschaft, und respektlos von anderen – lieblos – das kann mich sehr traurig machen. Das kann ich überhaupt nicht vertragen.

SPL:

Liebe Ruth, ich bin dankbar, dass ich Gelegenheit bekommen habe, dieses Interview mit Dir zu führen, weil Du ein sehr faszinierender Mensch auch für mich bist…

RL:

(unterbricht) Du für mich auch!

SPL:

Nun – kann ich nun nicht mehr sagen… Ich wollte eigentlich noch auf die Engel kommen…

RL:

Ach, die Engel, die sind ja so wichtig, die sind so wichtig…

SPL:

Ja, eben!

RL:

Die sind so wichtig. Da kann ich gar nicht genug – drüber nachdenken… Ich danke meinen Engeln. Ich danke allen Engeln, die es gibt und ich habe eine ganz starke Beziehung zu den Engeln schon seit Jahrzehnten; schon ganz, ganz lange. Die Engel kennen mich und auch ich kenne viele, viele Engel.

Ruth Lossen, geb. 29.06.1917. Schauspielerin. Mitbegründerin der Lebensgemeinschaft e.V. Schlitz-Sassen. Von 1970 bis 1993 Hausmutter in Sassen.

Sabine Petersen-Lossen: 1977-1980 in der Dorfgemeinschaft Sassen, seit 1980 in der Dorfgemeinschaft Münzinghof als „Hausmutter“ und in der Bereichsleitung Wohnen tätig. Kommissarische Sprecherin und Bildungsbeauftragte des Fachbereiches LebensOrte. Mitglied im Bildungsrat des Verbandes.

Foto: Hans-Werner Lossen

 

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